TOR-Server beschlagnahmt: “Wer nichts zu verbergen hat …”
Im Rahmen der Ermittlungen um die Verbreitung von Kinderpornographie
sind vor einigen Tagen
TOR Exit Nodes beschlagnahmt worden.
TOR ist ein Anonymisierungsdienst, mit dessen Hilfe man sich weitgehend
getarnt im Internet bewegen kann.
Wenngleich der Anlaß zunächst
einmal höchst legitim erscheint, ist die Beschlagnahme dennoch
außerordentlich problematisch.
Die stärkere Überwachung des
Internets wegen gestern Kinderpornographie, heute Terrorismus, morgen
Raubkopien, übermorgen ... kann schnell für die bürgerlichen Freiheiten
zum Problem werden: Wer könnte garantieren, daß gesammmelte Daten in
Zeiten der Privatisierung nicht früher oder später an Unternehmen zur
Auswertung weitergegeben ("outsourced") werden, daß Unschuldige durch
scheinbar "verdächtiges Verhalten" ins Visier geraten (siehe unser
großes Vorbild USA), daß der "Staat", sprich ein Heer von
erbsenzählenden und mehr oder weniger kompetenten Beamten und
Angestellten, auch wirklich so verantwortungsbewußt damit umgeht, wie es
die Pflicht eines Rechtsstaats wäre, daß er dieser Verantwortung
überhaupt gewachsen ist, daß Festplatten mit sensiblen Daten aus dem
Polizeidienst, wie bereits in der Vergangenheit geschehen, nicht wieder
bei ebay "versehentlich" verkauft werden?
Herr Schäuble
betätigt sich derzeit als populistischer Wortschwinger mit seiner
Forderung nach stärkerer Überwachung des Internets und beweist damit
wieder einmal schönen antidemokratischen Geist. Denn "wer nichts
zu verbergen hat" : Dann stellen Sie doch bitte Ihre
Kontoauszüge, Adresse, Alter, Interessen, Vorlieben, Abneigungen,
Liebschaften (bitte hochauflösend und als Film), den Briefverkehr, ...,
online, aber bitte wundern Sie sich nicht, wenn Sie hernach ausgenutzt,
betrogen, erpresst, ..., werden.
Was die zweifellos notwendige
Strafverfolgung angeht: Die muß andere, rechtsstaatliche Wege finden, an
die Verbreiter und Konsumenten des illegalen Materials heranzukommen,
beispielsweise - was beispielsweise bei verdeckten Ermittlungen in
Jugend-Chatrooms gegen "Verführer" auch durchaus funktioniert - über das
"Herauskitzeln" der Identität von Teilnehmern entsprechender Foren.
Einfach ist es nicht, man braucht dafür Personal, aber die demokratische
Freiheit muß uns die Mühe, und vor allem die notwendigen
zusätzlichen Geldmittel für Ermittler (anstelle einer
dritten überflüssigen Brücke, überflüssigen däumchendrehenden Beamten
und ihren parasitierenden Frühpensionären, den asozialen
Berlin-Bonn-Jettern), Wert sein.
Bei Lawblog hat sich hierzu ein
interessanter Diskussionsthread entwickelt.
Nachtrag:
In einem Interview für BoingBoing relativiert eine Vertreterin des
TOR Projekts dii Beschlagnahme jedoch glücklicherweise: So sind von der
Polizei pauschal Server beschlagnahmt worden, deren IP sich in den
Logfiles der "erlegten" Internetforen/-groups fanden; darunter befanden
sich auch die besagten Exit Nodes. Damit bleibt für TOR trotzdem das
Problem bestehen, daß der Betreiber eines Exit Nodes immer Gefahr läuft,
seinen Server für eine bestimmte Zeit auf Urlaub in die Asservatenkammer
schicken zu müssen. Weitere Folgen - wenn die Behörden feststellen, daß
die Anonymisierung tatsächlich funktioniert - sind derzeit
wohl noch nicht absehbar.
Nachtrag II:
Und
da ist sie schon, die liebe geldgeile Unterhaltungsindustrie as England,
und stellt fest, daß Kryptographie ohnehin nur etwas für Kinderschänder
sei und daher die Welt besser (im Sinne von Bushs "sicherer geworden"
?) werden würde, wenn man Verschlüsselung verbieten würde. Was für ein
Affentheater.
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