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Kollateralschäden des Anti-P2P-Kampfes

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Wie die Universität von Ohio mitteilte, wird der Datenverkehr ihres Universitätsnetzwerks seit gestern auf die Präsenz von Peer-to-Peer (P2P) Datenaustausch und Aktivität gescannt, der über den Datenaustausch im Intranet hinausgeht, denn allen Studenten und Angestellten wurde die Benutzung von P2P Programmen verboten. In einem zweiten Schritt soll auch der P2P Gebrauch im Intranet unterbunden werden.

Nach den neuen Regularien kann eine P2P Anwendung fallweise zugelassen werden, wenn ein Student vorher eine Genehmigung der Technikabteilung einholt und dabei darlegen kann, für welche Zwecke er die Anwendung einsetzen will. Beim ersten Verstoß gegen die neuen Vorschriften erhält der Student eine Beschwerdemitteilung und der Internetanschluss des Studentenzimmers wird so lange blockiert, bis der Student die Technikabteilung kontaktiert, den Grund der Sperrung geklärt und die Peer-to-Peer Anwendung deinstalliert hat. Dafür kann er sich sogar ein P2P-Deinstallationsprogramm herunterladen und ausführen, das nach bekannten P2P-Anwendungen Ausschau hält:
OU P2P Löschprogramm
Beim zweiten Verstoß erfolgt eine erneute Sperrung und der Vorfall wird der Rechtsabteilung der Universität übergeben.

Laut des Artikels OU to wipe out illegal file-sharing der Studentenzweitung "The Post" wurde den Studenten auf einer Informationsveranstaltung der Abteilung für Computerwissenschaften erklärt, dass dem "P2P Crackdown" an der Universität von Ohio die dritte Welle einer Kampagne des amerikanischen Verbandes der Musikindustrie RIAA vorangegangen war, die im April 413 Informationsanschreiben mit Androhung weiterer Rechtsschritte an 22 amerikanische Universitäten versendet hatte, unter denen die Universität von Ohio mit 50 Anschreiben den Spitzenplatz belegte. Bereits im Februar hatte die Universität 50 Anschreiben erhalten, was die Universitätsverwaltung 120 Arbeitsstunden gekostet hätte, die man für die Bearbeitung der RIAA-Anschreiben aufwenden musste. Die 100 RIAA Anschreiben waren laut eines weiteren Berichts der Post nur ein Teil der insgesamt 2300 Beschwerden, die der Universität im laufenden Studienjahr wegen Urheberrechtsverstößen zugingen.

Neben dem Vorstoß der RIAA führte die Universität als Begründung der Massnahme gegen P2P an, dass der P2P Datenaustausch auch einen unverhältnismäßig hohen Anteil an Bandbreite und Arbeitseinsatz der Technikabteilung fordert, der auf Kosten der Verfügbarkeit an Netzwerkressourcen für andere Nutzer geht. Die Universität hatte zunächst erwogen, nur verstärkt und allgemein gegen die Netzwerknutzer vorzugehen, die hohe Bandbreiten verbrauchen, aber nach dem Vorstoß der RIAA auf die generelle Verfolgung von P2P unabhängig vom Bandbreitenverbrauch "umgeschaltet".

Die Electronic Frontier Foundation kritisierte dagegen die Entscheidung der Universität mit dem Hinweis, sie würde nicht zu einer langfristigen Klärung des Streits um den P2P Datenaustausch urheberrechtlich geschützer Inhalte beitragen und auch den Rechteinhabern keinen größeren Profit einbringen, weil Studenten einfach zu Anwendungen und Techniken wechseln, die von der Sofware der Universität zur Überwachung des Netzwerks nicht zu erfassen sind. Auch seien die Regeln eine Beschädigung der akademischen Freiheit, da ein einfacher Austausch von freien Inhalten und eigenen Arbeiten per P2P erschwert wird und die Gefahr besteht, dass die Regeln auch auf alle anderen Anwendungen ausgedehnt werden könnten, deren Serverfunktionen den Austausch von Inhalten und Daten erlauben. Mit Verweis auf die Anfänge von Google und anderen Onlinediensten sieht die EFF auch eine Behinderung technischer Innovationen, die auf P2P Techniken aufbauen und im universitären Umfeld von Studenten entwickelt werden.

Während man an der Universität von Ohio das Aufspüren des zur Illegalität erklärten Gebrauchs bestimmter P2P-Programme den Routern zwischen dem universitären Intra- zum Internet überlässt, setzen andere US-Bildungseinrichtungen bereits die hierzulande weniger bekannte Software eines Unternehmens zur automatisierten Netzwerküberwachung und -steuerung ein, das selbst aus einem Spin-Off der Universität von Florida hervorgegangen ist und es bereits geschafft hat, die Software Anfang März 2007 in der Anhörung "Lagebericht zur Piraterie in universitären Netzwerken" des Justizausschusses des US-Repräsentantenhauses vorzustellen. Unterstützt durch kräftige Werbung seitens des US-Verbandes der Filmindustrie MPAA in der Vergangenheit und der RIAA in der gleichen Anhörung und vergangenen Anhörungen in anderen Ausschüssen des Kongresses.
Certain universities have chosen to prohibit the use on their networks of P2P applications known to be used overwhelmingly for illicit purposes. For example, the University of Florida developed cGrid (originally called Icarus), a network-based system that is flexible enough to provide the whole continuum of remediation options, whether through education, selective or complete blocking, track by track restriction, etc. The application, which is being commercially marketed under the company name Red Lambda, may be fully customized to manage adherence to a university's own policies.

Aus der Erklärung des RIAA Präsidenten Cary Sherman im Ausschuss für Bildung und Arbeit am 26. September 2006.
Die Rede ist von cGrid::Integrity von Red Lambda, das einige Gemeinsamkeiten mit den Narus Anwendungen aufweist, die von der NSA bei einigen amerikanischen ITK-Providern und bei staatlichen Internet-Überwachungsprojekten zur Traffic-Analyse im Einsatz sind. Entwickelt wurde cGrid unter dem Namen ICARUS ("Integrated Computer Application for Recognizing User Services") von den damaligen Netzwerkadministratoren Robert Bird und Will Saxon der Universität von Florida und dort 2003 erstmalig aktiviert.

Als Basis des ICARUS Tools hatten sich die beiden freie Open Source Anwendungen zum Portscannen, Sniffen von Paketen, Erkennen von Eindringversuchen und zur Analyse von Logdateien angeschaut und sich dann ein Perlskriptpaket zusammengestellt, dessen Skripte Logdaten und SNMP Protokolldaten automatisch von Firewalls, Switches, IDS-Systemen und Routern abgreifen und einsammeln, in eine MySQL Datenbank einspeisen und auf Muster analysieren, die typischen Verbindungs-, Datenaufkommen-, Portnutzungs- und Protokollprofilen von P2P Anwendungen entsprechen. Laut des Network Computing Artikels Implementing Icarus P2P-Blocking Software aus dem Jahr 2004 zu 80% in Echtzeit und der Rest im Batchbetrieb in kurzen Intervallen. Auch cGrid benutzt wie ICARUS für seine Funktionen neben kommerzieller Software wie Ciscos Netflow Collector eine Reihe freier Open Source Anwendungen, zu denen u. a. Nmap, Snort und AirSnort, Nessus, Wireshark und HoneyD gehören.

Schlägt die Musterkennung von ICARUS an, werden über weitere Perlskripte automatisch entsprechende Aktionen ausgelöst, die sich direkt gegen den einzelnen Studenten und dessen Internetanschluss richtet, da zur Analyse auch die Auswertung, Verknüpfung und Vorhaltung von Informationen über verwendete MAC- / IP-Adressen, den belegten Port und persönliche Daten des Studenten gehören.
cGrid

cGrid

cGrid Screenshots – Welche Anwendungen sollen erkannt werden, wen hat man als Benutzer identifiziert.
Abbildungen: Red Lambda.
Zum Beispiel wird dem Studenten eine Verwarnung per E-Mail zugestellt und die Konfiguration am Switch so abgeändert, dass sein PC vollständig vom Intranet abgetrennt wird oder keine Verbindung ins Internet mehr möglich ist, kurz gesagt er "fliegt automatisch aus dem Netz".

Viel mehr ist auch nicht bekannt, denn weitere Interna von cGrid hält Red Lambda verständlicherweise unter Verschluß, will man doch die Software für einen Anschaffungspreis von ca. 1 Million US$ und jährlichen Folgekosten von ca. 250000 US$ an alle Stellen verkaufen, die etwas zu blockieren haben. Zeichnet sich ein langfristiger Erfolg und ein guter Ruf für cGrid ab, erwägen die cGrid Macher den Verkauf an ein größeres Unternehmen. Deshalb lässt man auch über die MPAA und RIAA für sich werben. Entweder über besagte Anhörungen, Briefe, die Universitätsdirektoren erhalten...
Ways to Prevent/Reduce Student Exposure to Lawsuits and DMCA Notices

Implement a network technical solution. Products like Red Lambda's cGrid are promising as effective and comprehensive solutions that maintain the integrity, security, and legal use of school computing systems without threatening student privacy. Some schools have used these products to block the use of P2P entirely, realizing that the overwhelming, if not sole, use of these applications on campus is to illegally download and distribute copyrighted works. For schools that do not wish to prohibit entirely access to P2P applications, products such as Audible Magic's CopySense can be used to filter illegal P2P traffic, again, without impinging on student privacy.

Aus einem Anschreiben an Universitätsdirektoren des RIAA Präsidenten Cary Sherman Ende Februar 2007.
..oder indem man Zahlen über erhaltene Beschwerden zu Urheberrechtsverstößen und eingesparte Bandbreiten herausstellt: Nach der Aktivierung von cGrid an der Universität von Florida habe man 85% der ausgehenden Bandbreite ("Uploads") und 40% der eingehenden Bandbreite ("Downloads") eingespart und nur noch eine Beschwerde wegen eines Verstoßes gegen den DMCA erhalten.

Dagegen finden sich natürlich keine Aussagen und Zahlen zur Rate falscher Positiverkennungen, die es mit Sicherheit gibt, da cGrid zum Beispiel nicht wie andere Programme die einzelne Datei auf ihren urheberrechtlich geschützten Status hin analysiert und generell jede Anwendung mit Serverfunktionalität und -merkmalen als "P2P" einstufen wird. Das es mit Lösungen wie cGrid auch nicht mehr möglich ist, sich über Programme wie den Democracy Player, die auf P2P Techniken aufbauen, aus freien und unabhängigen Quellen zu informieren oder sich die neuste Version einer Linuxdistribution per BitTorrent zu besorgen, sind ebenfalls Punkte, bei denen die cGrid Entwickler gerne wegschauen. Ebenso wenig finden sich Informationen über die Rate der Nichterkennung, wenn technisch versiertere Anwender mit Hilfe der Nutzung von VPN oder Tunneling über gebräuchliche öffentliche Ports und anonymisierende Verschlüsselungslösungen wie Tor versuchen, cGrid zu umgehen.

Zum Beispiel kann jeder Tor Anwender – an dieser Stelle mal davon abgesehen, dass größere Downloads für das Tor Netz schädlich und für den Downloader in zeitlicher Hinsicht eine Qual bedeuten – über die folgenden Optionen erreichen, dass sein Tor Client die Verbindungen zu den Tor Verzeichnisservern über den HTTP(S) Proxy des lokalen Netzwerks und Transfer-Verbindungen nur zu Tor Nodes aufnimmt, die auf Ports lauschen, über die auch die Firewall des lokalen Netzwerks ausgehende Verbindungen zulässt:
Http(s)Proxy proxyadresse:proxyport
Http(s)ProxyAuthenticator benutzername:passwort

ReachableAddresses
accept ∗:80
accept ∗:443
Zum Thema Verschlüsselung führte der Red Lambda CEO Gregory Marchwinski in der Anhörung Anfang März aus:
Der erste Sachverhalt, den ich behandeln möchte, ist der Trend hin zur Verschlüsselung. In der Vergangenheit tauschten Leute Musik- und Filmdateien fast ausschließlich ohne Verschlüsselung, das heißt die Dateien, die sie tauschten waren für das Netzwerk transparent. Übliche Techniken zur Überprüfung von Datenpaketen konnten berichten, was über das Netzwerk gesendet wurde. In letzter Zeit haben allerdings Files-Sharer als Bestrebung, die Erkennung zu umgehen, damit begonnen, ihre Dateien zu verschlüsseln, bevor sie versendet werden. Das Ziel des File-Sharers besteht darin, wenn die Überprüfung von Datenpaketen nicht berichten kann, was gesendet wird, die Wahrscheinlichkeit für das Tauschen von Dateien geschnappt zu werden zu verringern. Erfreulicherweise hat sich Red Lambda diesem Trend angepasst und Techniken entwickelt, die unabhängig von der Überprüfung von Datenpaketen ist. Red Lambdas Produkt cGRID::Integrity ist selbst dann effizient, wenn Datenpakete verschlüsselt sind. Red Lambdas Ansatz konzentriert sich auf das "Verhalten" des Peer-to-Peer Protokolls, nicht auf einen bestimmten Film oder Song, der übertragen wird.
Genau darin liegt neben den bereits angesprochenen Auswirkungen ein weiteres Gefahrenpotential derartiger Überwachungs- und Steuerungsprogramme für alle Anwendungen, die auf Verschlüsselungs- und / oder Anonymisierungstechniken setzen, wenn sie nicht nur in universitären LANs zum Einsatz kommen, um Beschwerden der Unterhaltungs- und Medienindustrie zuvorzukommen, Investitionen in Hardware zu vermeiden und die eigenen Netzwerkkapazitäten im Interesse aller Netznutzer zu schützen, was ja aus Perspektive einer Universitäts- oder IT-Leitung trotz der möglichen Alternativen und negativen Begleiterscheinungen noch nachvollziehbar ist.

Auch kommerzielle Netzwerkbetreiber, Internetprovider und staatlichen Behörden – von denen Red Lambda auch mal kleinere Fördergelder erhält und die Red Lambda ebenfalls als Absatzmärkte anpeilt, weshalb man auch bemüht ist, cGrid auf Symposien wie dem IEEE Computational Intelligence for Security and Defense Applications oder dem SPIE Defense and Security Symposium vorzustellen – könnten unter dem Druck oder aufgrund gewollter Verschärfungen des Internetrechts im Interesse der Unterhaltungsindustrie, als Mittel zur gezielten Behinderung einzelner Internetnutzer oder als Instrument, um allgemein unerwünschte verschlüsselte Datenübertragungen (wenn man Verschlüsselung per se nicht verbieten kann) zu blockieren und sie wie ihre Urheber zu identifizieren, um gegen sie weitere Maßnahmen zur Blockierung oder Überwachung mit Internet-Überwachungszentren, Data-Mining Analysen oder Online-Durchsuchungen einzuleiten, in Zukunft ihr Auge auf Lösungen wie cGrid werfen.

Siehe auch:
Network Computing - Policy Enforcement: University of Florida Gainesville (2004)
ars technica - Meet cGrid, the real-time P2P punisher
von rabenhorst - Owl, gepostet am Sonntag, 29. April 2007 um 10:53
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