Bedrohungen und Gefahren in UK
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Die verhinderten Anschläge in Großbritannien und drei Artikel in der englischen Presse provozieren Anmerkungen und Nachfragen.
In den Artikeln CCTV footage scoured in hunt for clues und The hunt for the London terrorists: Attempt may show change of tactics berichtet der Independent über die Videoüberwachung an den Anschlagsorten in London (zusammengefasst):
Daran haben sich die Londoner anscheinend nicht nur gewöhnt, ein Teil begrüßt das ständig wachsende Netz, weil man sich unter Beobachtung sicherer vor Kriminellen fühlt und die Betreiber behaupten, damit Kriminalität und soziales Fehlverhalten wirksam unterdrücken zu können und weil das Netz auch zur Sicherheit vor einer Wiederholung der Terroranschläge von 2005 beitragen soll. Nach jedem versuchten oder erfolgreichen Terroranschlag verstärkt sich der Ruf nach besserer, vermehrter, breitflächigerer Videoüberwachung und er wird auch jetzt wieder zu hören sein – in Großbritannien, in den USA, in Deutschland.
Sicherheit vor Terroranschlägen bietet Videoüberwachung nicht, wie sich auch jetzt wieder bewahrheitet. Aber absolute Sicherheit gibt es nicht, wie die Befürworter der Videoüberwachung feststellen und verweisen dann mit dem Spruch, das "alles Menschenmögliche" und "das Maximum" an Mitteleinsatz betrieben werden müsse, auf den Nutzen, den sie durch ihre Unterstützung der Identifizierung und Lokalisierung von Terroristen nach einem Anschlag haben.
Die unterstützende Wirkung als Ermittlungsinstrument für die nachträgliche Terrorbekämpfung kann Videoüberwachung auch bieten. Aber zum obigen Preis der schleichenden Totalerfassung aller öffentlichen Räume bei gleichzeitiger Garantie, dass es weitere Terroropfer und weitere Terroranschläge geben wird, die Videoüberwachung ebensowenig in der Lage ist zu verhindern wie die biometrische Totalerfassung oder die Totalerfassung der Internet- und Kommunikationsdaten.
Mehr noch und wie die Artikel andeuten, es aber nicht wagen auszusprechen, birgt gerade eine konzentrierte Videoüberwachung an ausgewählten Orten oder flächendeckende Videoüberwachung mehrerer Orte die Gefahr in sich, Terroranschläge zu provozieren. Bei ersteren können sich zu allem bereite Terrorkommandos gewiss sein, dass die Öffentlichkeit als Ziel-Publikum nicht nur ihre trockenen Namen verlesen bekommt, sondern als Bild und Film ihre Gesichter, ihre Körper, ihre Anschlagsorte und die Effizienz der eingesetzten Bomben (wenn sie denn explodieren). Ist die Videoüberwachung flächendeckend, bietet sich Terrorkommandos ein weites Feld, aus denen sie sich die Anschlagsorte auswählen können, bei denen die Dichte der Kameras hoch genug ist, um größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzeugen. Technisch versierteren Terroristen wird es immer darum gehen, ihre Taten einer möglichst breiten Öffentlichkeit als "visuellen Fleischwolf" und ihre Existenz als "Märtyrer" in Bildern zu verewigen.
Handelt es sich bei Terroristen nicht um introvertierte Islamisten-Zellen, die Technik als westliches Teufelswerk abtun – die ständigen Verweise der Sicherheitspolitiker auf die Nutzung des Internets bedeuten das Gegenteil – und sich neben der Konstruktion neuer Bomben nur um ihre Auslegung des Korans und der Schari'a kümmern, werden sie die Videokameraugen als Multiplikatoren erkennen und als Komponente ihrer Terrortaktik zu nutzen wissen. Das trifft u. a. auch auf die niedlichen kleinen RFID Chips zu, die für RFID-Bomben nutzbar zu machen sind, sobald ihre Verbreitung – ob im Pass oder im BH – die nötige Dichte erreicht und die Terroristen gelernt haben, wie man nicht nur Handys an eine Nagelbombe schnallen muss, sondern einen RFID-Reader.
Das soll keine Panik- oder Angstmacherei sein, sondern ein Gedankenanstoß, welche Risiken und Preise sich auch mit Überwachungstechniken verbinden und als Anregung, sich nicht nur mit dem Denken Schäubles zu beschäftigen, sondern auch mit dem Denken von Terroristen und Terrortaktiken. Denn beides ist auch wichtig zur Bewertung der Effizienz, Verhältnismäßigkeit und Zweckmäßigkeit der gesamten Sicherheitsinstrumente und Sicherheitssimulationen, die uns ständig als zwingend notwendig vor die Nase gehalten werden.
Zu diesen Fragen gibt es in den beiden Independent-Artikeln und in dem Daily Mail Artikel MI5 fear bombers were 'off the radar' auch etwas zu lesen und nachzudenken.
Der Independent berichtet, dass sich die britischen Sicherheitsbehörden mit zwei Hypthesen zu Terrortaktiken beschäftigen: Die erste Hypothese geht davon aus, dass die vorherigen Strafverfolgungsmaßnahmen gegen Terroristen und Terrorverdächtige so erfolgreich waren, dass sie die Pläne für oder den Zugriff auf eine stärkere Bombentechnik vereitelt hätten, weshalb man jetzt auf die "Bombe aus dem Baumarkt" zurückgegriffen hätte.
Das mag sein, genauso gut trifft aber auch zu, dass Organisation und Konstruktion einer "Bombe aus dem Baumarkt" weniger Aufmerksamkeit erregt und einfacher, schneller zu bewerkstelligen ist. Außerdem birgt diese Hypothese den Geruch an sich, die Absichten der Terrorzellen für die größere Bedrohungskulisse der "schmutzigen Bombe" instrumentalisieren zu wollen.
Die zweite Hypothese besagt, dass Al Kaida (wenn es sich überhaupt darum handelt und nicht um isolierte Zellen von Bombenamateuren wie in Köln) nicht mehr bekannte und symbolträchtige Plätze ins Visier nimmt, sondern unbekanntere oder allgemeinere Orte, die deshalb von den Sicherheitsbehörden nicht voraussehbar sind und deshalb allgemeine Angst und Panik erzuegen.
Erscheint mir, wenn es sich um versierte Terroristen handelt, plausibel.
In der Daily Mail wird über nicht genannte Quellen aus dem Dunstkreis der Geheimdienste und der Regierung auf die Einschätzungen der beiden Geheimdienste MI5 und MI6 verwiesen, die befürchten, dass es sich bei den Terroristen um Angehörige einer Terrorzelle handelt, die sich "außerhalb des Radars" der Dienste befand, da ihre Mitglieder keine Verbindungen zu vorherigen Terroraktivitäten aufwiesen, also entweder zum Typ der im Anschlagsland aufgewachsenden Terroisten zählen, die mit "weißer Weste" bis zum Anschlag leben ("home-grown terrorist") oder aber um eine auswärtige Terrorzelle, die sich für die Zeit der Vorbereitung und Durchführung an allen Sicherheitschecks und Kontrollprozeduren vorbei ins Land schleusen konnte.
In beiden Fällen wäre die Situation für die Sicherheitsbehörden und die Sicherheitspolitiker katastrophal:
Gut getarnte und vorsichtige Terroristen mit britischer Staatsbürgerschaft, die sich von anderen Gruppierungen und Orten des Islamismus fernhalten oder ihre Kontakte minimieren, sind so gut wie nicht vor einem Anschlag aufzudecken, nicht mit flächendeckender Videoüberwachungskameras, Internetüberwachung und Einschränkung der Grundrechte gegen die Allgemeinheit. Auch nicht mit zusätzlichen Millionen für die Etats der Geheimdienste und zusätzlicher dezentralisierter Man-Power oder ständiger Observation von Tausenden von Muslimen, die man als Terrorverdächtige führt, Hausarrest mit GPS-Fußschellen und "Control Orders".
Das unbemerkte Einsickern von wäre dazu ein Schlag gegen den innenpolitischen Kurs des vorherigen und jetzigen Premierminister und die britischen Innenminister, die gerade dabei sind , den britischen Staat und die britische Gesellschaft über den massiven Einsatz von Überwachungs- und Kontrolltechniken, bioemetrische Totalerfassung, Speicherung aller Daten in gigantischen Datenbankprojekten und Beschneidung von Grund- und Menschenrechten in einen Polizeistaat zu verwandeln. Zumal ich ein Einsickern von außen mit Durchbrechung aller Grenzschutzmechanismen immer für möglich halte.
Beide Szenarien zwingen nicht nur uns, sondern gerade die Sicherheits- und Innenpolitiker zu dem Eingeständnis, dass der Kampf gegen den externen und internen Terrorismus mit einer immer totalitärer werden "Sicherheitsarchitektur" nicht zu gewinnen ist, dass wir alle realisieren müssen, mit der täglichen Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Terroranschlags werden zu können, zu leben, wie wir mit der Wahrscheinlichlichkeit leben, Opfer eines Gewaltsverbrechens, eines Verkehrsunfalls oder einer schweren Krankeit zu werden. Das bedeutet nicht, terroristischen Umtrieben nicht nachzugehen und Terroristen das Feld zu überlassen, sondern nur Realitäten offen ins Auge zu blicken, anstatt sich auf Sicherheitsversprechen, -simulationen und -architekturen zu verlassen, die alle nicht dazu geeignet sind, uns von dieser Wahrscheinlichkeit zu befreien, aber die Gefahr mit sich bringen, dass wir unsere Menschenrechte und Freiheitsrechte aufgeben.
Noch ein Wort zu den aufkeimenden Verschwörungstheorien, bei den Anschlagsversuchen handele es sich mal wieder um Inside-Jobs der Geheimdienste, um das Klima der Angst und Spannung zu erhöhen, damit Gordon Brown die Agenda seiner "Sicherheitsarchitektur" durchsetzen kann und die britische Öffentlichkeit darauf einzuschwören. Ich denke, der Präventionsstaat ist in Großbritannien schon so weit fortgeschritten und die Agenda in der britischen Öffentlichkeit schon so tief verankert, nicht zuletzt durch die Nachwirkungen der erlittenen und vereitelten Anschläge, dass es die britische Regierung nicht mehr nötig hätte, derartige Anschläge selbst zu inszenieren. Von der Gefahr, bei Aufdeckung den Fortschritt ihres "Masterplans" zur Verwirklichung der Sicherheitsarchitektur zu gefährden, mal ganz abgesehen. Das Einzige, was noch eine Gefahr darstellen könnte, ist das britische Pfund, wenn den Briten die Projekte der Regierung zu teuer werden und ein zu hoher Bodycount getöteter britischer Soldaten aufgrund der Auslandseinsätze.
Siehe dazu auch:
Telepolis - Autobomben als billige Massenvernichtungswaffen
In den Artikeln CCTV footage scoured in hunt for clues und The hunt for the London terrorists: Attempt may show change of tactics berichtet der Independent über die Videoüberwachung an den Anschlagsorten in London (zusammengefasst):
Insgesamt 160 Kameras mit dem CCTV Kontollzentrum am Trocadero werden vom Stadtrat im Stadtbezirk Westminster betrieben.
Laut der Transport for London Website überwachen Kameras zur Erhebung der Straßengebühren jede Ein- und Ausfahrtund auch die Fahrten innerhalb der Zonen, in denen Straßengebühren erhoben werden. Jede Kamerainstallation besteht für jede Straße, die überwacht werden soll, aus mindestens einer Farb- und einer Schwarz-Weiß Kamera. Die Kameras sind denen ähnlich, die aktuell an Flughäfen und Schifffahrtshäfen eingesetzt werden, um hochqualitative Videosignale für die Programme zur automatischen Kennzeichenerkennung zu liefern.
Die Autobomber in London entschieden sich, in einem der am meisten gefilmten Gebiete der Welt zuzuschlagen. Experten waren seit gestern Nacht dabei, sich durch Stunden von Aufnahmematerial zu wühlen, die von einem Netzwerk aus 33 CCTV-Videoüberwachungskameras im West End aufgzeichnet wurden. Drei weitere Videoüberwachungskameras sind in Vans installiert, die im Gebiet patroullieren und der Westminster Stadtrat hat zusätzlich 30 mobile Videoüberwachungskameras im Einsatz, die an wechselnden Orten eingesetzt und über Laptops bedient werden können. Ermittler werten auch die 52 Kameras aus, die jede Straßenführung zum Londoner Zentrum überwachen, um die Fahrtrouten nachzuvollziehen, die von den Wagen bis zu ihren Zielen genommen wurden. Dieser sogennannte "Ring-of-Steel" könnte der Polizei verraten, woher die Wagen kamen, um ihren Startpunkt zurückzuverfolgen.
Das, was die beiden Artikel beschreiben, ist ein Bruchteil des flächendeckenden Videoüberwachungsnetzes, das London überzieht. Ein Netz, das in der Lage ist, neben PKWs jede Person in London nicht nur mehrmals am Tag aufzuzeichnen, sondern auch die Wege und Orte zu verfolgen, die PKWs, Gruppen und Personen nehmen und aufsuchen. Daneben kann man ganze Straßenzüge, Eingänge zu Wohnungen, Pubs, Einkaufs- und Stadtzentren oder einzelne Wohnungen überwachen, wenn bei denen die Privacy-Sichtblenden fallen. In Zukunft kommen Mikrofone und Lautsprecher hinzu – nicht für die Terrorbekämpfung, sondern zur Erkennung und Maßregelung ungebührlichen Verhaltens.Laut der Transport for London Website überwachen Kameras zur Erhebung der Straßengebühren jede Ein- und Ausfahrtund auch die Fahrten innerhalb der Zonen, in denen Straßengebühren erhoben werden. Jede Kamerainstallation besteht für jede Straße, die überwacht werden soll, aus mindestens einer Farb- und einer Schwarz-Weiß Kamera. Die Kameras sind denen ähnlich, die aktuell an Flughäfen und Schifffahrtshäfen eingesetzt werden, um hochqualitative Videosignale für die Programme zur automatischen Kennzeichenerkennung zu liefern.
Die Autobomber in London entschieden sich, in einem der am meisten gefilmten Gebiete der Welt zuzuschlagen. Experten waren seit gestern Nacht dabei, sich durch Stunden von Aufnahmematerial zu wühlen, die von einem Netzwerk aus 33 CCTV-Videoüberwachungskameras im West End aufgzeichnet wurden. Drei weitere Videoüberwachungskameras sind in Vans installiert, die im Gebiet patroullieren und der Westminster Stadtrat hat zusätzlich 30 mobile Videoüberwachungskameras im Einsatz, die an wechselnden Orten eingesetzt und über Laptops bedient werden können. Ermittler werten auch die 52 Kameras aus, die jede Straßenführung zum Londoner Zentrum überwachen, um die Fahrtrouten nachzuvollziehen, die von den Wagen bis zu ihren Zielen genommen wurden. Dieser sogennannte "Ring-of-Steel" könnte der Polizei verraten, woher die Wagen kamen, um ihren Startpunkt zurückzuverfolgen.
Daran haben sich die Londoner anscheinend nicht nur gewöhnt, ein Teil begrüßt das ständig wachsende Netz, weil man sich unter Beobachtung sicherer vor Kriminellen fühlt und die Betreiber behaupten, damit Kriminalität und soziales Fehlverhalten wirksam unterdrücken zu können und weil das Netz auch zur Sicherheit vor einer Wiederholung der Terroranschläge von 2005 beitragen soll. Nach jedem versuchten oder erfolgreichen Terroranschlag verstärkt sich der Ruf nach besserer, vermehrter, breitflächigerer Videoüberwachung und er wird auch jetzt wieder zu hören sein – in Großbritannien, in den USA, in Deutschland.
Sicherheit vor Terroranschlägen bietet Videoüberwachung nicht, wie sich auch jetzt wieder bewahrheitet. Aber absolute Sicherheit gibt es nicht, wie die Befürworter der Videoüberwachung feststellen und verweisen dann mit dem Spruch, das "alles Menschenmögliche" und "das Maximum" an Mitteleinsatz betrieben werden müsse, auf den Nutzen, den sie durch ihre Unterstützung der Identifizierung und Lokalisierung von Terroristen nach einem Anschlag haben.
Die unterstützende Wirkung als Ermittlungsinstrument für die nachträgliche Terrorbekämpfung kann Videoüberwachung auch bieten. Aber zum obigen Preis der schleichenden Totalerfassung aller öffentlichen Räume bei gleichzeitiger Garantie, dass es weitere Terroropfer und weitere Terroranschläge geben wird, die Videoüberwachung ebensowenig in der Lage ist zu verhindern wie die biometrische Totalerfassung oder die Totalerfassung der Internet- und Kommunikationsdaten.
Mehr noch und wie die Artikel andeuten, es aber nicht wagen auszusprechen, birgt gerade eine konzentrierte Videoüberwachung an ausgewählten Orten oder flächendeckende Videoüberwachung mehrerer Orte die Gefahr in sich, Terroranschläge zu provozieren. Bei ersteren können sich zu allem bereite Terrorkommandos gewiss sein, dass die Öffentlichkeit als Ziel-Publikum nicht nur ihre trockenen Namen verlesen bekommt, sondern als Bild und Film ihre Gesichter, ihre Körper, ihre Anschlagsorte und die Effizienz der eingesetzten Bomben (wenn sie denn explodieren). Ist die Videoüberwachung flächendeckend, bietet sich Terrorkommandos ein weites Feld, aus denen sie sich die Anschlagsorte auswählen können, bei denen die Dichte der Kameras hoch genug ist, um größtmögliche Aufmerksamkeit zu erzeugen. Technisch versierteren Terroristen wird es immer darum gehen, ihre Taten einer möglichst breiten Öffentlichkeit als "visuellen Fleischwolf" und ihre Existenz als "Märtyrer" in Bildern zu verewigen.
Handelt es sich bei Terroristen nicht um introvertierte Islamisten-Zellen, die Technik als westliches Teufelswerk abtun – die ständigen Verweise der Sicherheitspolitiker auf die Nutzung des Internets bedeuten das Gegenteil – und sich neben der Konstruktion neuer Bomben nur um ihre Auslegung des Korans und der Schari'a kümmern, werden sie die Videokameraugen als Multiplikatoren erkennen und als Komponente ihrer Terrortaktik zu nutzen wissen. Das trifft u. a. auch auf die niedlichen kleinen RFID Chips zu, die für RFID-Bomben nutzbar zu machen sind, sobald ihre Verbreitung – ob im Pass oder im BH – die nötige Dichte erreicht und die Terroristen gelernt haben, wie man nicht nur Handys an eine Nagelbombe schnallen muss, sondern einen RFID-Reader.
Das soll keine Panik- oder Angstmacherei sein, sondern ein Gedankenanstoß, welche Risiken und Preise sich auch mit Überwachungstechniken verbinden und als Anregung, sich nicht nur mit dem Denken Schäubles zu beschäftigen, sondern auch mit dem Denken von Terroristen und Terrortaktiken. Denn beides ist auch wichtig zur Bewertung der Effizienz, Verhältnismäßigkeit und Zweckmäßigkeit der gesamten Sicherheitsinstrumente und Sicherheitssimulationen, die uns ständig als zwingend notwendig vor die Nase gehalten werden.
Zu diesen Fragen gibt es in den beiden Independent-Artikeln und in dem Daily Mail Artikel MI5 fear bombers were 'off the radar' auch etwas zu lesen und nachzudenken.
Der Independent berichtet, dass sich die britischen Sicherheitsbehörden mit zwei Hypthesen zu Terrortaktiken beschäftigen: Die erste Hypothese geht davon aus, dass die vorherigen Strafverfolgungsmaßnahmen gegen Terroristen und Terrorverdächtige so erfolgreich waren, dass sie die Pläne für oder den Zugriff auf eine stärkere Bombentechnik vereitelt hätten, weshalb man jetzt auf die "Bombe aus dem Baumarkt" zurückgegriffen hätte.
Das mag sein, genauso gut trifft aber auch zu, dass Organisation und Konstruktion einer "Bombe aus dem Baumarkt" weniger Aufmerksamkeit erregt und einfacher, schneller zu bewerkstelligen ist. Außerdem birgt diese Hypothese den Geruch an sich, die Absichten der Terrorzellen für die größere Bedrohungskulisse der "schmutzigen Bombe" instrumentalisieren zu wollen.
Die zweite Hypothese besagt, dass Al Kaida (wenn es sich überhaupt darum handelt und nicht um isolierte Zellen von Bombenamateuren wie in Köln) nicht mehr bekannte und symbolträchtige Plätze ins Visier nimmt, sondern unbekanntere oder allgemeinere Orte, die deshalb von den Sicherheitsbehörden nicht voraussehbar sind und deshalb allgemeine Angst und Panik erzuegen.
Erscheint mir, wenn es sich um versierte Terroristen handelt, plausibel.
In der Daily Mail wird über nicht genannte Quellen aus dem Dunstkreis der Geheimdienste und der Regierung auf die Einschätzungen der beiden Geheimdienste MI5 und MI6 verwiesen, die befürchten, dass es sich bei den Terroristen um Angehörige einer Terrorzelle handelt, die sich "außerhalb des Radars" der Dienste befand, da ihre Mitglieder keine Verbindungen zu vorherigen Terroraktivitäten aufwiesen, also entweder zum Typ der im Anschlagsland aufgewachsenden Terroisten zählen, die mit "weißer Weste" bis zum Anschlag leben ("home-grown terrorist") oder aber um eine auswärtige Terrorzelle, die sich für die Zeit der Vorbereitung und Durchführung an allen Sicherheitschecks und Kontrollprozeduren vorbei ins Land schleusen konnte.
In beiden Fällen wäre die Situation für die Sicherheitsbehörden und die Sicherheitspolitiker katastrophal:
Gut getarnte und vorsichtige Terroristen mit britischer Staatsbürgerschaft, die sich von anderen Gruppierungen und Orten des Islamismus fernhalten oder ihre Kontakte minimieren, sind so gut wie nicht vor einem Anschlag aufzudecken, nicht mit flächendeckender Videoüberwachungskameras, Internetüberwachung und Einschränkung der Grundrechte gegen die Allgemeinheit. Auch nicht mit zusätzlichen Millionen für die Etats der Geheimdienste und zusätzlicher dezentralisierter Man-Power oder ständiger Observation von Tausenden von Muslimen, die man als Terrorverdächtige führt, Hausarrest mit GPS-Fußschellen und "Control Orders".
Das unbemerkte Einsickern von wäre dazu ein Schlag gegen den innenpolitischen Kurs des vorherigen und jetzigen Premierminister und die britischen Innenminister, die gerade dabei sind , den britischen Staat und die britische Gesellschaft über den massiven Einsatz von Überwachungs- und Kontrolltechniken, bioemetrische Totalerfassung, Speicherung aller Daten in gigantischen Datenbankprojekten und Beschneidung von Grund- und Menschenrechten in einen Polizeistaat zu verwandeln. Zumal ich ein Einsickern von außen mit Durchbrechung aller Grenzschutzmechanismen immer für möglich halte.
Beide Szenarien zwingen nicht nur uns, sondern gerade die Sicherheits- und Innenpolitiker zu dem Eingeständnis, dass der Kampf gegen den externen und internen Terrorismus mit einer immer totalitärer werden "Sicherheitsarchitektur" nicht zu gewinnen ist, dass wir alle realisieren müssen, mit der täglichen Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Terroranschlags werden zu können, zu leben, wie wir mit der Wahrscheinlichlichkeit leben, Opfer eines Gewaltsverbrechens, eines Verkehrsunfalls oder einer schweren Krankeit zu werden. Das bedeutet nicht, terroristischen Umtrieben nicht nachzugehen und Terroristen das Feld zu überlassen, sondern nur Realitäten offen ins Auge zu blicken, anstatt sich auf Sicherheitsversprechen, -simulationen und -architekturen zu verlassen, die alle nicht dazu geeignet sind, uns von dieser Wahrscheinlichkeit zu befreien, aber die Gefahr mit sich bringen, dass wir unsere Menschenrechte und Freiheitsrechte aufgeben.
Noch ein Wort zu den aufkeimenden Verschwörungstheorien, bei den Anschlagsversuchen handele es sich mal wieder um Inside-Jobs der Geheimdienste, um das Klima der Angst und Spannung zu erhöhen, damit Gordon Brown die Agenda seiner "Sicherheitsarchitektur" durchsetzen kann und die britische Öffentlichkeit darauf einzuschwören. Ich denke, der Präventionsstaat ist in Großbritannien schon so weit fortgeschritten und die Agenda in der britischen Öffentlichkeit schon so tief verankert, nicht zuletzt durch die Nachwirkungen der erlittenen und vereitelten Anschläge, dass es die britische Regierung nicht mehr nötig hätte, derartige Anschläge selbst zu inszenieren. Von der Gefahr, bei Aufdeckung den Fortschritt ihres "Masterplans" zur Verwirklichung der Sicherheitsarchitektur zu gefährden, mal ganz abgesehen. Das Einzige, was noch eine Gefahr darstellen könnte, ist das britische Pfund, wenn den Briten die Projekte der Regierung zu teuer werden und ein zu hoher Bodycount getöteter britischer Soldaten aufgrund der Auslandseinsätze.
Siehe dazu auch:
Telepolis - Autobomben als billige Massenvernichtungswaffen
von rabenhorst - Owl,
gepostet am Sonntag, 1. Juli 2007 um 15:46

