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Die Voight-Kampff Maschine für den Überwachungs-Komplex

Dieser Text ist im Cache von metaowl.de - das Original ist hier zu finden.
Zum wissenschaftlichen Forschungsprojekt zur biometrischen Überprüfung potentieller Terroristen, also uns allen, das ich später vorstelle, fällt mir eine Szene direkt am Anfang des Sci-Fi Films Blade Runner ein.

In der wird das Exemplar "Leon" der genetisch und künstlich gezüchteten Menschen, die die Bezeichnung "Replikanten" tragen, über ein Testverfahren mit der "Voight-Kampff Maschine" in einer typischen Verhörsituation von "Holden", einem Verhörspezialisten des Tyrell Konzerns, der die Replikanten herstellt, daraufhin überprüft, ob er ein echter Mensch ist oder ein Replikant.




Der Verhörspezialist stellt dem potentiellen Replikanten Fragen, die darauf abzielen, beim Delinquenten des Verhörs eine messbare emotionale Veränderung hervorzurufen. Die erste Frage im Film lautet:
Sie sind in einer Wüste. Sie gehen so durch den Sand. Sie gucken nach unten und sehen eine Chelone (Schildkröte), die auf Sie zukriecht. Sie bücken sich, greifen nach unten und drehen die Schildkröte auf den Rücken. Die Schildkröte liegt auf dem Rücken, ihr Bauch brät in der heißen Sonne. Sie strampelt mit den Beinen bei dem Versuch sich selbst umzudrehen, aber sie kann nicht. Nicht ohne Ihre Hilfe, aber sie helfen nicht. Wieso?
Dann kommt die Voight-Kampff Maschine zum Zuge, die u. a. Veränderungen der Augeniris, des Puls und Geruchsmoleküle der Transpirationen des Delinquenten misst und dem Verhörer mit ihrem Resultat anzeigt, ob es sich um einen Menschen oder Replikanten handelt:






Im Film erhält der Verhörspezialist keine Antwort auf seine zweite Frage, weil der Delinquent die Verhörsituation dadurch auflöst, dass er den Verhörspezialisten erschießt.

Laut der Pressemitteilung Technology Would Help Detect Terrorists Before They Strike der Universität von Buffalo wollen Wissenschaftler einer interdisziplinären Forschungsgruppe am Zentrum für vereinheitlichte Biometrie und Sensoren (CUBS) die erweiterte Form der "Voight-Kampff Maschine" konstruieren. Nur das deren Bezeichnung UB-STARS Plattform ("Unobtrusive Biometric - Sense, Transmit, Assess, and Respond System") lautet, mit der keine potentiellen Replikanten, sondern potentielle Terroristen überprüft und erkannt werden sollen.

Das Forschungsteam beschreibt UB-STARS so:
Unser Team konzentriert sich auf die Entwicklung einer ganzheitlichen biometrischen Plattform, die Gesicht, Stimme, Fingerabdrücke, Gangart, Handschrift, Reaktionen auf Stimulationen und den inneren wie äußeren chemischen Aufbau (z. B. DNA, Biomarker [Blutbestandteile, Hormone usw.], Restspuren explosiver Substanzen) eines Individuums in Echtzeit erkennen und beurteilen kann. Wir nennen diese neue Plattform das "unaufdringliche biometrische Abtastungs-, Übertragungs-, Bewertungs- und Beantwortungs-System (UB-STARS)".
Was alle Hersteller biometrischer Kontrollsysteme mit "Multi-Modaler Biometrie" umschreiben, beschränkt sich bisher auf den parallelen und gleichzeitigen Einsatz zweier oder dreier Biometrietechniken, zum Beispiel der Iriserkennung mit der Gesichtserkennung oder Gesichtsabgleich mit Fingerabdruckabgleich. Die Wissenschaftler in Bufallo wollen mehr erreichen, was nicht weniger ist als die Anwendung aller bekannten und neuen Biometrietechniken, die auch die Analyse des Verhaltens und der Psyche, also psychologische und Verhaltens-Biometrie einschließt.

Das wird schon daran deutlich, dass am Biometrie-Zentrum zwei Hauptverantworliche Wissenschaftler aus zwei verschiedenen Disziplinen sind:

Der Computerwissenschaftler und Gründer des Biometrie-Zentrums Dr. Venugopal Govindaraju, Experte für die Entwicklung von Algorithmen zur Musterkennung, maschinellen Selbstlernprozessen für Computer und Data-Mining Techniken am Zentrum für Analyse Zeichenerkennung von Dokumenten des Instituts für Computer Science and Engineering mit biometrischer Musterkennung als Steckenpferd und der Sozial- und Verhaltenspsychologe Dr. Mark Frank, Professor an der Fakultät der Kommunikationswissenschaften.

Frank hat dort deshalb eine Position, weil sein Steckenpferd die Analyse nonverbaler Kommunikation als Mittel zur Aufdeckung von Lügen und die Erstellung von Verhaltensprofilen über die Analyse mikroskopischer Muskelbewegungen im Gesicht ist, mit der er nach Anzeichen von starker Nervosität fahndet, die auf Täuschung und Lüge hindeuten. Zu Mark Franks Forschung, die er in den Dienst des US-Heimatschutzministeriums und amerikanischer Sicherheitsbehörden stellt, gibt es vom Sender CBS das Kurz-Portrait Weeding Out Terrorists.

In der Pressemitteilung der Universität erklären die beiden Partner Motivation, Anwendung und Ziele ihrer Forschung.

Dr. Venugopal Govindaraju:
Das Ziel ist die Identifizierung des Täters in einer Überprüfungs-Situation, bevor er oder die Chance hat, den Angriff auszuführen.

Wir entwickeln einen Prototypen, der ein Video einer Anzahl von Überprüfungs-Situationen untersucht, um automatisch einen einzigen intergierten Schätzwert über die Wahrscheinlichkeit eines gesetzwidrigen Verhaltens produziert.

Sobald eine Person zur Vernehmung hereinkommt, wird unser Programm damit beginnen, sein oder ihr Verhalten zu überwachen und spontan für das Individuum einen Grundwert zu berechnen.

Keine einzelne biometrische Technik ist für alle Anwendungsbereiche geeignet. Hier im CUBS verfolgen wir den einzigartigen Ansatz, Technologien zu entwickeln, die verschiedene biometrische Techniken kombinieren und abstimmen, um besonderen Anforderungen zu entsprechen. In diesem Projekt konzentrieren wir uns auf die Frage, wie man verschiedene Verhaltensweisen analysieren und einen einzelnen Indikator für rechtswidriges Handeln erhalten kann.
Dr. Mark Frank:
Keine Verhaltensweise garantiert immer, dass jemand lügt, aber Verhaltensweisen sagen Emotionen und Denken voraus und das kann dem Sicherheitsbeamten helfen zu entscheiden, ob er näher hinschauen muss.

Stichprobenartige Überprüfungen sind zwar fair, aber sind sie effektiv? Die Frage ist, worauf Deine Entscheidung basiert – einer Zufallsauswahl, Deinem Bauchgefühl oder Wissenschaft? Wir glauben, Wissenschaft ist eine bessere Grundlage und wir hoffen, unser System wird zum Vorteil des Sicherheitspersonals.

Was ich an der Arbeit mit Venu und seinem Team im CUBS mag, ist, dass sie neue Algorithmen erschaffen, die die aufregende Möglichkeit beinhalten, Informationen und Muster aufzudecken, die uns helfen, den potentiellen Bösewicht zu erkennen. Wir erwarten, dass die Kombination aus dem Verstehen des Verhaltens von Leuten mit der Entwicklung der Algorithmen den Gewinn bringt, bessere Voraussagen zu treffen.
In der Pressemitteilung werden als Anwender Grenz- und Zollbeamte, Polizeibeamte, Flughafenüberwacher wie die Verhaltensdetektive der SPOT-Teams, über die auch Telepolis in TSA setzt auf Sicherheitskräfte zur Verhaltenserkennung berichtete und Militärangehörige aufgeführt, "die jeden Tag Leuten insgeheim die Frage stellen: Bist Du ein Terrorist?"

Die "Voight-Kampff Maschine" soll in ein paar Jahren sowohl bei "intensiven Verhören", worunter in den USA auch Foltersitzungen verstanden werden, als auch eher kurzen routinemäßigen Überprüfungen zum Einsatz kommen.

Da man aber zum Beispiel bereits in Großbritannien zu Gange ist, Antragsteller für staatliche Hilfeleistungen mit Stimmenanalysesystemen zu überprüfen oder mit Lügendetektoren zu traktieren (was die "Voight-Kampff Maschine" auch ist), werden die "Voight-Kampff Maschinen" früher oder später überall zu finden sein, wo der Präventionsstaat meint, dass es etwas zu überprüfen, überwachen, kontrollieren und auszusortieren gilt.

Das den Sicherheitsbhörden, Militärs und staatlichen Plattformen zur Umleitung von Steuergeldern in die Sicherheitsforschung und die Hersteller von Sicherheitstechnologien die Forschung an der Universität von Buffalo einiges wert ist, zeigt sich an den der Förderung über 798666 US$ der National Science Foundation (NSF), die bis 2010 für das Deceit Indication through Person Specific Behavioral Dynamics Projekt des Wissenschaftlerteams im Biometriezentrum an der Universität von Buffalo zur Entwicklung der "Voight-Kampff Maschine" zur Verfügung gestellt wurden. In der Zusammenfassung zur Förderung liest sich das Projekt so:
Eines der wichtigsten Ziele unseres Militär- und Heimatschutzpersonals ist die Ergreifung von Personen, die einen Angriff auf unsere militärischen und zivilen Einrichtungen planen, bevor sie zuschlagen können. Dieses Projekt beabsichtigt die Identifizierung, Interpretation und Entwicklung von Prozeduren zum automatischen Messen von Hinweisen, die von Personen durch ihre ausgedrückten Verhaltensweisen abgegeben werden, die Angriffe beabsichtigen, insbesondere wenn sie versuchen, ihre wahren Absichten zu verschleiern und duch vorgetäuschte Verhaltensweisen zu fingieren.

Dieses Projekt verbessert vorherige Forschungen, weil es Verhaltensweisen untersucht, die es in weitaus realistischeren Szenarien mit hohem Einsatz aufzudecken gilt und die Aufdeckung durchführt, ohne irgendwelche Instrumente an die Person anzulegen, indem automatische Systeme des Maschinellen Lernens genutzt werden, die jeden Verhaltens-Indikator aufnehmen und die Modifizierungen erkennt, die am besten sind, um eine Person als wahrheitsliebend oder lügnerisch zu identifizieren. Diese Methode wird dann einen Prototypen hervorbringen, der Aufnahmen von Vernehmungssitzungen an Kontrollpunkten und in Verhörräumen untersucht und automatisch einen vereinheitlichten Schätzwert über die Wahrscheinlichkeit eines gesetzwidrigen Verhaltens ausgibt.

Die größeren Auswirkungen des Projekts liegen darin, dass es Wissenschaftler der Verhaltens-, Computer- und Computerkonstruktions-Wissenschaften zusammenbringt, die ihre hochmodernen Mittel zum Entwurf eines Systems anwenden, dass das Potential hat, einen potentiellen Terroristen zu identifizieren, bevor er oder sie zuschlägt. Die durch die Kombination solch seltener Qualifikationen und Kenntnisse erzeugte Synergie wird nicht nur das Fachwissen über dieses spezielle Thema erweitern, sondern auch das anderer Forschungsbereiche wie der Sozialpsychologie, dem Maschinellem Sehen und automatischem Maschinellem Lernen.
Zur angesprochenen vorherigen Forschung und den damit verbundenen Förderungen findet sich im Biometrie-Zentrum eine Aufstellung, nach der bereits vom US-Verteidigungsministerium von 2005 - 2007 anderthalb Millionen US$ für das "Erweiterte Biometrietechniken - Indikatoren für Täuschungen" Projekt und von der Forschungsabteilung der U.S. Armee 270000 US$ von 2004 - 2006 für Projekte zu "Multi-modalen biometrischen Systemen" von Govindaraju ausgegeben wurden, neben anderen Institutionen, die Projekte zu Fingerabdruckerkennung, Biometrie auf Smartcards, Gesichtserkennung und biometrischen Zugangskontrollsystemen förderten.

Aber auch Klein ging bisher nicht leer aus. An ihn gingen allein von der NSF seit 2005 über 300000 US$ für Projekte zur Verhaltensanalyse und der Entwicklung von Systemen zur automatischen Analyse von Gesichtsausdrücken (s. o), wie aus dem Artikel New Technologies Could Make Airport Screening More Effective and Less Cumbersome - Experts focus on identifying passenger ability and intent der National Science Foundation hervorgeht.

Was den Entwicklern der "Voight-Kampff Maschine" und Verhaltensschnüfflern Steine in den Weg legen kann, ist die noch existente Fehleranfälligkeit jeder einzelnen biometrischen Analyse- und Identifizierungstechnik, die bei einem "integrierten" bzw. "multi-modalen" biometrischen Beschnüffelungssystem automatisch auch zu einer Aufsummierung der Fehler aller eingesetzten Biometrietechniken und damit einem falschen Ergebnis führt. Die Hinzunahme der Verhaltens- und Psycholgiewissenschaften – gerade im Sicherheitsbereich – birgt wiedrum die Gefahr in sich, von relativ statischen Verhaltensmustern auszugehen und paranoiden Klischees zu folgen, die man sich von potentiellen Angreifern macht. Und die wiederum könnten auf die Idee kommen, sich ebenfalls in flexiblen oder erwarteten Verhaltensweisen zu trainieren und sich mit Techniken beschäftigen, die der Kontrolle von Köperfunktionen dienen.

Das wird jedoch die Sicherheitspolitiker, Unternehmen für Sicherheitstechniken und Wissenschaftler der Sicherheitsforschung nicht davon abhalten, die Forschung und Vermarktung, Herstellung, politische Verwendung und praktische Anwendung weiter zu forcieren. Die Objekte ihrer Kontroll- und Überwachungs-Allmachtsfantasien sind wir alle als Delinquenten an verschiedensten Orten.
von rabenhorst - Owl, gepostet am Sonntag, 7. Oktober 2007 um 14:55
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