Nichts zu verbergen und zu befürchten für die Sicherheit?
Dieser Text ist im Cache von metaowl.de - das Original ist hier zu finden.
In den letzten Tagen stolpert man wieder verstärkt über die Falschaussage "[Als gesetzestreuer Bürger] habe ich nichts zu verbergen [, also habe ich vom Staat auch nichts zu befürchten]", die umso mehr auftreten wird, je näher der 1. Januar 2008 rückt, an dem die Vorratsdatenspeicherung in Kraft treten soll und wenn es wieder mal um das BKA-Gesetz oder die "Online-Durchsuchung" geht.
Ich bin gestern auf die Aussage gestoßen, aber in einem Buch, das ich gerade angefangen habe zu lesen:
Cover der Sonderausgabe von "Kallocain - Roman aus dem 21. Jahrhundert" aus dem Jahr 1986.
Kallocain wurde von der schwedischen Schriftstellerin Karin Boye noch vor George Orwells "1984" und nach Jewgenij Samjatins "Wir" im Jahr 1940 veröffentlicht. Neben den beiden genannten Werken, Huxleys "Schöner Neuen Welt" (und auch Brunners "Schockwellenreiter") gehört Kallocain zu den dunkelsten literarischen Beschreibungen einer totalitären Überwachungsgesellschaft, in der die Existenz des Individuums vollständig von einem militaristischen Polizeistaat durchorganisiert wird. Wie Orwells 1984 diente die Sowjetunion unter Stalin und der deutsche Nationalsozialismus als "Vorlage". Der Roman ist derzeit leider in deutscher Sprache vergriffen.
Kurz zum Kontext: Im Mittelpunkt des Buches steht Leo Kall, der Erfinder der nach ihm benannten Droge "Kallocain", die er unter Ägide des Staates mit "Menschenmaterial" entwickelt, um mit ihr den Menschen alle Geheimnisse zu entreißen, die sie vor dem Staat zu verbergen trachten.
Ich bin gestern auf die Aussage gestoßen, aber in einem Buch, das ich gerade angefangen habe zu lesen:

Cover der Sonderausgabe von "Kallocain - Roman aus dem 21. Jahrhundert" aus dem Jahr 1986.
Kurz zum Kontext: Im Mittelpunkt des Buches steht Leo Kall, der Erfinder der nach ihm benannten Droge "Kallocain", die er unter Ägide des Staates mit "Menschenmaterial" entwickelt, um mit ihr den Menschen alle Geheimnisse zu entreißen, die sie vor dem Staat zu verbergen trachten.
"Ich hoffe, daß es dem Staat zum Nutzen gereichen wird", sagte ich. "Es ist ein Mittel, welches jeden Menschen dazu bringen wird, seine Geheimnisse preiszugeben. Alle Geheimnisse, die bis heute jeder aus Scham oder Fucht verschwiegen hat."
Nach einem Arbeitstag im Labor entspinnt sich über Kallocain ein Gespräch mit der "Hausgehilfin", die zugleich die Aufgabe hat, als informelle Mitarbeiterin über alles Protokoll zu führen, was in der Wohnzelle von Leo Kall vor sich geht. Nach einer kurzen Erläuterung Kalls zur Ähnlichkeit von Kallocain mit der Wirkung des Alkohols:
"Sie verstehen wohl, daß es sich um eine wichtige Erfindung handelt. In Zukunft wird kein Verbrecher die Wahrheit ableugnen können. Sogar unsere innersten Gedanken sind nicht unser Eigentum, wie wir so lange zu Unrecht geglaubt haben."
"Zu Unrecht?"
"Ja gewiß, zu Unrecht. Aus Gedanken und Gefühlen werden Worte und Handlungen geboren. Wie ist es dann möglich, daß Gedanken und Gefühle Privateigentum des einzelnen sein könnten? Gehört nicht der ganze Mitsoldat dem Staat? Wem sollten denn seine Gedanken und Gefühle gehören, wenn nicht dem Staat? Bis heute bestand nur keine Möglichkeit sie zu kontrollieren – jetzt aber ist das Mittel erfunden."
Sie warf mir einen kurzen Blick zu, doch senkte sie die Augen sofort wieder.
Sie verzog keine Miene, aber ich hatte den Eindruck, daß sie erblaßte.
"Sie brauchen nichts zu befürchten, Mitsoldat", ermunterte ich sie, "es besteht nicht die Absicht, all die kleinen Liebegeschichten oder Antipathien jedes einzelnen aufzudecken. Wenn meine Erfindung in private Hände fallen würde – ja, dann könnte man sich leicht vorstellen, was für ein Chaos daraus entstehen würde! Aber das darf natürlich nicht geschehen. Das Mittel soll unserer Sicherheit dienen, unser aller Sicherheit, der des Staates."
"Mir ist nicht bange, ich habe nichts zu verbergen", antwortete sie ziemlich kühl, obwohl es doch nur freundlich gemeint war.
"Zu Unrecht?"
"Ja gewiß, zu Unrecht. Aus Gedanken und Gefühlen werden Worte und Handlungen geboren. Wie ist es dann möglich, daß Gedanken und Gefühle Privateigentum des einzelnen sein könnten? Gehört nicht der ganze Mitsoldat dem Staat? Wem sollten denn seine Gedanken und Gefühle gehören, wenn nicht dem Staat? Bis heute bestand nur keine Möglichkeit sie zu kontrollieren – jetzt aber ist das Mittel erfunden."
Sie warf mir einen kurzen Blick zu, doch senkte sie die Augen sofort wieder.
Sie verzog keine Miene, aber ich hatte den Eindruck, daß sie erblaßte.
"Sie brauchen nichts zu befürchten, Mitsoldat", ermunterte ich sie, "es besteht nicht die Absicht, all die kleinen Liebegeschichten oder Antipathien jedes einzelnen aufzudecken. Wenn meine Erfindung in private Hände fallen würde – ja, dann könnte man sich leicht vorstellen, was für ein Chaos daraus entstehen würde! Aber das darf natürlich nicht geschehen. Das Mittel soll unserer Sicherheit dienen, unser aller Sicherheit, der des Staates."
"Mir ist nicht bange, ich habe nichts zu verbergen", antwortete sie ziemlich kühl, obwohl es doch nur freundlich gemeint war.
von ravenhorst - Owl,
gepostet am Dienstag, 30. Oktober 2007 um 15:44

