Wie Wahnsinnige mit Fingerabdrücken jonglieren
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Der Guardian berichtet im Artikel ID card scheme faces new hurdle über "frische Probleme" für das nationale Identitätsschema in Großbritannien und die dafür notwendige biometrische Erfassung der britischen Population. Aber was der Guardian als "frische Probleme" bezeichnet, ist Kritikern und kritischen Wissenschaftlern schon lange bekannt und andere Zeitungen hattten bereits im Juni über die neuen, alten Probleme berichtet – wie zum Beispiel Silicon im Beitrag Warning: ID cards face fingerprint errors.
Das neue, alte Problem hat mit der korrekten Erfassung und dem korrekten Abgleich des biometrischen Fingerabdrucks zu tun. Für verschiedene Teile der Population ist das nicht zu gewährleisten. Neben Personen mit beschädigten oder stark verschmutzten Minutien und Papillarleisten – den Rillen auf der Fingerkuppe – gilt dies vor allem für Kinder und Jugendliche, deren Fingerabdruckrillen sich noch ausprägen und verändern und für ältere Personen. Das hat aber zum Beispiel die EU nicht angefochten, sich auf die Erfassung der Fingerabdrücke von Kindern zu einigen, während sich das neofaschistische Italien unter Berlusconi zuerst an die Fingerabdrücke der Roma-Kinder heranmacht.
Auf das bekannte Problem hatte die Biometrics Assurance Group (BAG), einem wissenschaftlichen Beratungsgremium, das 2005 auf Anregung des Innenausschusses des britischen Parlaments eingerichtet wurde, um die Entwicklung des Identitätsschemas zu begleiten, in ihrem Jahresbericht 2007 vom Juni 2008 deutlich hingewiesen. Dort heißt es:
Allein die Gruppe der Älteren über 75 Jahre, bei denen es zu Problemen und hohen Fehlerraten und damit auch zu Fehlfunktionen im Identitätssystem kommen wird, macht in Großbritannien bereits 4 Millionen aus. Der Guardian verweist auf "amerikanische Experten" (wohl vom NIST), nach denen die problematischen Anteile unter der erwachsenen Bevölkerung 2 - 5% ausmachen.
Für Deutschland wären das laut dem Jahrbuch 2007 des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2005 in der Gruppe der 18- bis 65-Jährigen und mehr 1.357.611 bis 3.394.029 Millionen Erwachsene, bei denen es mit Erfassung und Abgleich hapern würde. Im Vereinigten Königreich (England, Wales, Schottland und Nordirland) wären es laut der Statistik für Mitte 2006 des Office for National Statistics in der Gruppe der 16 - 75 und mehr Jahre alten Erwachsenen 981.000 Tausend bis 2.452.500 Millionen. Wahrscheinlich hat man wegen des desaströsen Gesamteindrucks die Effekte bei Kinderfingerabdrücken gleich ganz weggelassen. Die Sicherheitspolitiker und Identitätsbehörden können nur hoffen, dass es wirklich zu Bevölkerungsrückgängen kommt, um mit kleineren Margen konfrontiert zu werden.
Nun könnte man natürlich sagen – wenn man dem biometrischen Erfassungswahn nicht ganz entsagt – das man einfach und besser wenigstens auf die Alten und Jungen verzichtet, schon allein, weil es doch immer auch um "Kostenersparnisse" gehen soll. Aber Fehlanzeige, bei der Überwachung und Kontrolle von der Wiege bis zur Bahre spielen Kosten weniger eine Rolle, denn schließlich handelt es sich um ein global konzertiertes systematisches Programm, was abgespult wird. Es mag ja auch Terror-Opas und -Omas geben, die sich mit Krückstock und falschem ePass über die Grenzen einschleichen wollen, um sich mit den heimischen Schläfern und Terrorzellen zu vereinigen.
Wie man den Heerscharen der schlecht oder gar nicht erfassten und abgeglichenen Bevölkerungsteilen und Einreisenden Herr werden kann, beschreibt ein Sprecher des IPS im Guardian Artikel auf gerade wahnwitzige Weise. Die erste Maßnahme ist die Behauptung, "das selbst in der 75+ Gruppe die Fingerabdruckqualität normalerweise perfekt zu gebrauchen sei." Denn was nicht sein darf, existiert nicht.
Die zweite Maßnahme betrifft die oben angesprochene Aufstockung der Ressourcen im IPS, die natürlich auch die Erhöhung des Finanzbedarfs um zig Millionen Pfund bedeutet. Dazu sagt der Mann vom IPS allen Ernstes: "Für die sehr seltenen Ereignisse (wie gesagt, wir sprechen von Hunderttausenden bis Millionen), bei denen ein Fingerabdruckabbild einmal unter die Qualität fallen sollte, die für den automatischen Abgleich erforderlich ist, wird er an einen Fingerabdruckexperten übermittelt, der die Kodierung manuell durchführt, so dass er in der Datenbank gespeichert werden kann (...) ein Fingerabdruckexperte könnte genauso zwei Fingerabdrücke manuell vergleichen, um die Identität einer Person zu bestätigen."
Man sieht schon förmlich die Büros von "Fingerabdruckexperten-Bürokraten" kafkaesker Dimensionen wie im Film Brazil und Grenzposten zugeteilte Fingerabdruckexperten-Bürokraten vor sich, wie sie, mühsam mit Lupe und einem Grafikprogramm bewaffnet, Fingerabdrücke begutachten und nachzeichnen. Das ist Wahnsinn mit Methode. Über die Fehlerraten der Experten-Bürokraten, die sie mit ihrem Gepinsel und Beäugen produzieren können, spricht niemand. Vielleicht können neuartige Voodoo-Erfassungssysteme die Erlösung bringen.
Die BAG hat noch einen Trumpf in petto, wie man das sich abzeichnende Gemurkse mit den biometrischen Fingerabdrücken kompensieren könnte. Die Empfehlung des BAG würde allerdings die weitere Ausweitung der biometrischen Erfassung mitbringen und gibt uns ein Signal, was nach der vollständigen Umsetzung der heutigen biometrischen Erfassung kommen wird. Im Bericht der BAG heißt es:
Allein, die Briten hätten wohl wie die deutsche Öffentlichkeit noch mehr aufgeschrieen, wenn sie auch noch ihre Augen hätten herhalten müssen, sprich die Iris generell zu verlangen und nicht nur in einzelnen Grenzschutzprojekten ist zur Zeit politisch nicht vermittelbar. Der Hauptgrund ist aber, dass das bereits jetzt finanziell kaum zu bewältigende Identitätsprogramm der britischen Regierung ungleich teuerer ausfallen würde, wenn auch noch finanzielle Ressourcen für die Iriserkennungstechnik aufgebracht werden müssten. Das gilt genauso für Deutschland. Deshalb lautete die im Bericht der BAG wiedergegebene Antwort des IPS zur Iris auch: "IPS accepts that iris biometric technology has potential but is not inclined to mandate its testing during the current procurement as it is unlikely to be used for Scheme launch or immediately thereafter."
Noch, denn irgendwann werden wir alle unsere netten kleinen Identitätskarten haben, Gesichter und Fingerabdrücke werden längst erfasst, abgespeichert und alle Kosten verarbeitet und vergessen sein. Dann wird es weitergehen – zunächst mit der Augeniris.
Das neue, alte Problem hat mit der korrekten Erfassung und dem korrekten Abgleich des biometrischen Fingerabdrucks zu tun. Für verschiedene Teile der Population ist das nicht zu gewährleisten. Neben Personen mit beschädigten oder stark verschmutzten Minutien und Papillarleisten – den Rillen auf der Fingerkuppe – gilt dies vor allem für Kinder und Jugendliche, deren Fingerabdruckrillen sich noch ausprägen und verändern und für ältere Personen. Das hat aber zum Beispiel die EU nicht angefochten, sich auf die Erfassung der Fingerabdrücke von Kindern zu einigen, während sich das neofaschistische Italien unter Berlusconi zuerst an die Fingerabdrücke der Roma-Kinder heranmacht.
Auf das bekannte Problem hatte die Biometrics Assurance Group (BAG), einem wissenschaftlichen Beratungsgremium, das 2005 auf Anregung des Innenausschusses des britischen Parlaments eingerichtet wurde, um die Entwicklung des Identitätsschemas zu begleiten, in ihrem Jahresbericht 2007 vom Juni 2008 deutlich hingewiesen. Dort heißt es:
False match effects on large databases: BAG raised concerns regarding the statements made by John Daugman in the media regarding the false match rates in large databases.
IPS [Anm.: Identity & Passport Service des Innenministeriums] explained that the figures used by Daugman appeared to be based on the NIST US-VISIT programme which uses two fingerprints rather than the ten which will be used in the NIS [Anm.: National Identity Register]. However the scenario depicted (of a false match rate of 1 in 1000) would still be within IPS's capability and could be dealt with by existing resources within the fingerprint bureau. Nonetheless, an enlarged fingerprint bureau is already planned to ensure exceptions can be handled.
Exception handling: BAG was particularly concerned with the plans for exception handling, noting that it would be a large part of the NIS (for example, more than 4 million people are over the age of 75 in the UK, a group for which it is hard to obtain good quality fingerprints). Exception handling has a large impact not only on the technical elements of the Scheme but on business processes, schedules and costs. BAG provided a strong endorsement of the importance of research in this area.
BAG recommended that research & development funding be used for investigation of the exception handling issues raised in the RNIB report and similar areas.
Das heißt, wenn man von zwei Fingerabdrücken wie beim US-VISIT oder auch beim elektronischen Personalausweis und ePass ausgeht, bekommt man eine Fehlerkennung pro 1000 Personen, die das IPS laut des Berichts mit seinen jetzigen Ressourcen managen könnte. US-VISIT und das britische Identitätsschema gehen aber schon längst von allen zehn Fingerabdrücken aus. Damit bekommt man bereits per se höhere Fehlerraten. Um die zu kompensieren, muss man die Ressourcen der Identitätsbehörden aufstocken.IPS [Anm.: Identity & Passport Service des Innenministeriums] explained that the figures used by Daugman appeared to be based on the NIST US-VISIT programme which uses two fingerprints rather than the ten which will be used in the NIS [Anm.: National Identity Register]. However the scenario depicted (of a false match rate of 1 in 1000) would still be within IPS's capability and could be dealt with by existing resources within the fingerprint bureau. Nonetheless, an enlarged fingerprint bureau is already planned to ensure exceptions can be handled.
Exception handling: BAG was particularly concerned with the plans for exception handling, noting that it would be a large part of the NIS (for example, more than 4 million people are over the age of 75 in the UK, a group for which it is hard to obtain good quality fingerprints). Exception handling has a large impact not only on the technical elements of the Scheme but on business processes, schedules and costs. BAG provided a strong endorsement of the importance of research in this area.
BAG recommended that research & development funding be used for investigation of the exception handling issues raised in the RNIB report and similar areas.
Allein die Gruppe der Älteren über 75 Jahre, bei denen es zu Problemen und hohen Fehlerraten und damit auch zu Fehlfunktionen im Identitätssystem kommen wird, macht in Großbritannien bereits 4 Millionen aus. Der Guardian verweist auf "amerikanische Experten" (wohl vom NIST), nach denen die problematischen Anteile unter der erwachsenen Bevölkerung 2 - 5% ausmachen.
Für Deutschland wären das laut dem Jahrbuch 2007 des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2005 in der Gruppe der 18- bis 65-Jährigen und mehr 1.357.611 bis 3.394.029 Millionen Erwachsene, bei denen es mit Erfassung und Abgleich hapern würde. Im Vereinigten Königreich (England, Wales, Schottland und Nordirland) wären es laut der Statistik für Mitte 2006 des Office for National Statistics in der Gruppe der 16 - 75 und mehr Jahre alten Erwachsenen 981.000 Tausend bis 2.452.500 Millionen. Wahrscheinlich hat man wegen des desaströsen Gesamteindrucks die Effekte bei Kinderfingerabdrücken gleich ganz weggelassen. Die Sicherheitspolitiker und Identitätsbehörden können nur hoffen, dass es wirklich zu Bevölkerungsrückgängen kommt, um mit kleineren Margen konfrontiert zu werden.
Nun könnte man natürlich sagen – wenn man dem biometrischen Erfassungswahn nicht ganz entsagt – das man einfach und besser wenigstens auf die Alten und Jungen verzichtet, schon allein, weil es doch immer auch um "Kostenersparnisse" gehen soll. Aber Fehlanzeige, bei der Überwachung und Kontrolle von der Wiege bis zur Bahre spielen Kosten weniger eine Rolle, denn schließlich handelt es sich um ein global konzertiertes systematisches Programm, was abgespult wird. Es mag ja auch Terror-Opas und -Omas geben, die sich mit Krückstock und falschem ePass über die Grenzen einschleichen wollen, um sich mit den heimischen Schläfern und Terrorzellen zu vereinigen.
Wie man den Heerscharen der schlecht oder gar nicht erfassten und abgeglichenen Bevölkerungsteilen und Einreisenden Herr werden kann, beschreibt ein Sprecher des IPS im Guardian Artikel auf gerade wahnwitzige Weise. Die erste Maßnahme ist die Behauptung, "das selbst in der 75+ Gruppe die Fingerabdruckqualität normalerweise perfekt zu gebrauchen sei." Denn was nicht sein darf, existiert nicht.
Die zweite Maßnahme betrifft die oben angesprochene Aufstockung der Ressourcen im IPS, die natürlich auch die Erhöhung des Finanzbedarfs um zig Millionen Pfund bedeutet. Dazu sagt der Mann vom IPS allen Ernstes: "Für die sehr seltenen Ereignisse (wie gesagt, wir sprechen von Hunderttausenden bis Millionen), bei denen ein Fingerabdruckabbild einmal unter die Qualität fallen sollte, die für den automatischen Abgleich erforderlich ist, wird er an einen Fingerabdruckexperten übermittelt, der die Kodierung manuell durchführt, so dass er in der Datenbank gespeichert werden kann (...) ein Fingerabdruckexperte könnte genauso zwei Fingerabdrücke manuell vergleichen, um die Identität einer Person zu bestätigen."
Man sieht schon förmlich die Büros von "Fingerabdruckexperten-Bürokraten" kafkaesker Dimensionen wie im Film Brazil und Grenzposten zugeteilte Fingerabdruckexperten-Bürokraten vor sich, wie sie, mühsam mit Lupe und einem Grafikprogramm bewaffnet, Fingerabdrücke begutachten und nachzeichnen. Das ist Wahnsinn mit Methode. Über die Fehlerraten der Experten-Bürokraten, die sie mit ihrem Gepinsel und Beäugen produzieren können, spricht niemand. Vielleicht können neuartige Voodoo-Erfassungssysteme die Erlösung bringen.
Die BAG hat noch einen Trumpf in petto, wie man das sich abzeichnende Gemurkse mit den biometrischen Fingerabdrücken kompensieren könnte. Die Empfehlung des BAG würde allerdings die weitere Ausweitung der biometrischen Erfassung mitbringen und gibt uns ein Signal, was nach der vollständigen Umsetzung der heutigen biometrischen Erfassung kommen wird. Im Bericht der BAG heißt es:
The use of iris in the NIS: BAG raised concerns that the use of iris biometric technology was not mandated in the NIS requirements.
BAG recommended that Iris should be included in the testing for the following reasons:
Das heißt, wenn es nach der BAG gegangen wäre, würde man neben den Fingerabdrücken und Gesichtsbildern auch die Augeniris erfassen, in den biometrischen Datenbanken des National Identity Registers speichern und abgleichen, weil die Augeniris neben der DNA unter Biometrieexperten und in der Biometrieindustrie als das biometrische Merkmal gilt, welches die geringsten Fehlerraten aufweist und am eindeutigsten zu erfassen und zu erkennen ist.BAG recommended that Iris should be included in the testing for the following reasons:
- The potential for iris biometric technology to mature and become more useful.
- As a fall back for those unable to enrol fingerprint biometrics.
Allein, die Briten hätten wohl wie die deutsche Öffentlichkeit noch mehr aufgeschrieen, wenn sie auch noch ihre Augen hätten herhalten müssen, sprich die Iris generell zu verlangen und nicht nur in einzelnen Grenzschutzprojekten ist zur Zeit politisch nicht vermittelbar. Der Hauptgrund ist aber, dass das bereits jetzt finanziell kaum zu bewältigende Identitätsprogramm der britischen Regierung ungleich teuerer ausfallen würde, wenn auch noch finanzielle Ressourcen für die Iriserkennungstechnik aufgebracht werden müssten. Das gilt genauso für Deutschland. Deshalb lautete die im Bericht der BAG wiedergegebene Antwort des IPS zur Iris auch: "IPS accepts that iris biometric technology has potential but is not inclined to mandate its testing during the current procurement as it is unlikely to be used for Scheme launch or immediately thereafter."
Noch, denn irgendwann werden wir alle unsere netten kleinen Identitätskarten haben, Gesichter und Fingerabdrücke werden längst erfasst, abgespeichert und alle Kosten verarbeitet und vergessen sein. Dann wird es weitergehen – zunächst mit der Augeniris.
von ravenhorst - Owl,
gepostet am Freitag, 15. August 2008 um 13:52

