calendar
« Sep12345678910111213141516171819202122232425262728293031 Nov »

Die liebe Not mit der Anonymität

Dieser Text ist im Cache von metaowl.de - das Original ist hier zu finden.
Bei F!xmbr geht es im Beitrag Freiheit für anonyme Dreckschleudern? um Anonymität, das Zulassen pseudonymer Teilnehmer in Webforen bzw. Kommentatoren in Weblog – denn anonym wird die Mitwirkung ja erst wirklich, wenn man zusätzlich anonymisiert auf ein Webforum oder Weblog zugreift, sonst kann der Betreiber seine Logs auswerten und u. a. zumindest die IP-Adresse feststellen, sofern er solche Logfunktionen nutzt – und die liebe Not, die man mit pseudonymen Teilnehmern hat, denen eine wie auch immer geartete Netiquette schnurz ist.

Anlass des Beitrags bei F!xmbr waren Trolle, Stalker, die im Forum und im IRC Channel des ComputerClub2 pseudonym ihr Unwesen treiben wollten und die Reaktionen der Macher des ComputerClub2 Forums darauf. Das es sich um ComputerClub2 handelt, ist erst einmal nebensächlich, weil die Probleme sich jedem Weblog- und Webforenbetreiber, IRC Channel Operator usw. stellen ... irgendwann. Ich nehme sie in dem Beitrag nur als Stellvertreter für andere, die vielleicht auf ähnlichen Pfaden wandeln. Jedenfalls wird die Reaktion wohl so aussehen, dass sich Nutzer in Zukunft mit Realnamen und Adresse registrieren müssen.

Vorweg gesagt, kann jeder Betreiber selbst entscheiden, wie er es mit seinen Nutzern halten will, sofern auch er Regeln und Gesetze beachtet: Keine Weitergabe persönlicher Daten, Absicherung gespeicherter Daten vor unerlaubtem Zugriff Dritter und Anonymisierung, wenn sie nicht mehr benötigt werden, Beachtung von Datensparsamkeit und -vermeidung, Datenschutzerklärung usw. Nett sind in diesem Zusammenhang auch die dehnbaren Formulierungen in Gesetzen, "Nutzern die Inanspruchnahme von Diensten und ihre Bezahlung anonym oder unter Pseudonym zu ermöglichen, soweit dies technisch möglich und zumutbar ist. Der Nutzer ist über diese Möglichkeit zu informieren." Nicht nur im Bundesdatenschutzgesetz lautet eigentlich die Regel, primär Anonymisierung und Pseudonymisierung zu nutzen und sie zu ermöglichen, bevor man andere Wege beschreitet.

Was die Macher des ComputerClub2 wohl am meisten gestört hatte, waren die Trolle und Stalker, die sie "anpinkeln", als "Besserwisser" auftreten oder als "anonym agierende Schmutzfinken alles runter machen und alles in Frage stellen, nicht helfen wollen sondern einfach nur meckern und Dinge kaputtmachen."

Es gab und wird sie immer geben: Die Leute, dich sich auf Mailinglisten, seit Jahrzehnten im Usenet, in IRC Channels, dann auch in Webforen und Weblogs ihrem Narzissmus und ihren Profilneurosen hingeben, Beleidigungen und Bedrohungen gegen andere Personen oder die Betreiber aussprechen. Das hat auch etwas mit Anonymität zu tun, hinter der man sich verstecken kann, aber auch mit dem Medium an sich zu tun. Im Netz, mit technischen Programmen, einem vermittelten und abstrakt bleibenden Miteinander schießt man schnell schärfer und leichter auch über das Ziel hinaus. Trolle und Stalker als zwei von vielen Typen gehören zum "Schmutz", den die Möglichkeit zur Anonymisierung und Pseudonymisierung als Kollateralschäden mit sich bringt, wegen dem man aber nicht versucht, Anonymität abzuschaffen.

Nur – ist das ein Grund, pseudonyme Netzung und anonymen Zugang generell zu unterbinden? Ich denke nicht, aus folgenden Gründen:

Zuerst einmal muss man einfach die Größe besitzen und das besonders, wenn man schon lange im Netz ist und alles Krude und Verrückte schon gelesen, gehört oder gesehen hat, über Trollen und Stalkern zu stehen, im Kopf immer den Filter mitlaufen zu lassen, der Äußerungen solcher Leute und die Leute selbst mental als irrelevant einstuft und sie aussortiert. Umgangssprachlich "dickes Fell" genannt. In Mail- und Newsprogrammen übernehmen das weniger mental, dafür automatisch die "Killfilter". Das findet seine Grenze und die ist von Person zu Person verschieden, wo sich Beleidigungen und Bedrohungen zu handfesten physischen oder psychischen Bedrohungen auswachsen oder auswachsen könnten und die eigene Lebensqualität oder die der anderen Teilnehmer wegen der Anfeindungen stark eingeschränkt würde. Was, wie es im F!xmbr Beitrag angesprochen wird, ja auch einen rechtlichen Aspekt bekommen kann.

Die Macher des ComputerClub2 "wollen" aber auch noch "wenigstens wissen, wer es war und evtl. darauf reagieren können. Das ist doch normal im Zusammenleben? Wenn Du mich eine dumme Sau nennst, dann will ich wissen, welches Schwein du bist." Diese Auffassung ist natürlich auch wieder persönliche Ansichtssache. Mich persönlich interessiert die Identität von Trollen im Internet nicht, denn sie haben für mich noch weniger Wert oder Substanz als der sprichwörtliche Hund, der man im Netz auch sein könnte, der anonyme Mitbürger, dem ich auf der Straße begegne, geschweige denn eine Person, die ich kenne. Ich reagiere darauf, indem ich sie mental und praktisch kille – virtuell versteht sich und mit Ausnahme der obigen Grenzziehung.

Rein technisch und praktisch existieren Alternativen zur Identitäts- und Namenspreisgabe, die von den Machern des ComputerClub2 auch genutzt werden könnten. Man kann automatische Wort- und Kontextfilter einsetzen, die allerdings auch mal daneben gehen können und intensiver Pflege bedürfen. In Weblogs, Webforen oder IRC Channel schaltet man die "Moderation" von Beiträgen und Kommentaren ein – mag auch einer gewissen Entschleunigung zuträglich sein, wenn es leider auch das lebendige Plauschen miteinander einschränkt. Das Problem "zu arbeitsintensiv" kann durch die Hinzunahme von langgedienten, vertrauenswürdigen Nutzern, die als Moderatoren helfen und verschiedenen Funktionen zur Rechtevergabe an diese Nutzer oder Teilnehmer, die alle Plattformen bieten, entkräftet werden. Das verhasste "Three-Strikes-Out" gegen P2P Nutzer kann man in anderer Form nutzen und wird auch im IRC praktiziert: Lass es oder Du fliegst. Und wenn das nicht reicht, dann müssen sich die kreativen Geister, von denen es doch nur so im Netz wimmeln soll, halt mal hinsetzen und effektivere Tools und Funktionen entwickeln.

Mal abseits davon habe ich noch die Auffassungen geteilt, die auch von den ComputerClub2 Machern pauschal vertreten werden: "Wir wollen mit Leuten kommunizieren, die dazu stehen, wer sie sind" heißt es da. Nun, ich will mit Leuten kommunizieren, die zu dem stehen, was sie sagen oder machen, egal ob sie Hund, Katze oder Maus heißen und das Gesagte interessant ist, eine Bereicherung, eine neue Perspektive. Umgekehrt muss man auch mit anonymer / pseudonymer Identät eh zu dem stehen, was man sagt und die eigenen Aussagen mit der gewählten Nicht-Identität identifizierbar sein, wenn man nicht im großen Rauschen untergehen will. Und es tut mir leid, aber ob im Realleben oder im Netz, niemand hat per se "ein Recht" darauf, "zu wissen, mit wem er es zu tun hat." Das ist eine Frage, die es immer wieder neu aushandeln gilt.

Deshalb und aus anderen Gründen mehr, werde ich mich auch weiterhin für Anonymisierung und die Möglichkeit der pseudonymen Nutzung des Internets stark machen und Leser, so weit wie mir möglich, die "Angebote" anonym und pseudonym nutzen lassen.

P.S.: Hat Anarchie nichts mit Regellosigkeit, Chaos und einem unzivilisierten Gegeneinander zu tun, Oliver.
von ravenhorst - Owl, gepostet am Donnerstag, 30. Oktober 2008 um 22:23
Aufgrund der Textinhalte könnten folgende Beiträge thematisch zu diesem Beitrag passen:
  • [Blog] 9. AK Vorrat Regensburg News Liebe Unterstützerinnen und Unterstützer, Liebe Interessierte,hiermit erhalten Sie die neunte Ausgabe unserer AK Vorrat Regensburg News. Die Themen sind diesmal:1. Gespräch mit MdB
  • E-Überwachung 2.0: Bundesregierung will Anonymität im Internet verdrängen E-Überwachung 2.0: Bundesregierung will Anonymität im Internet verdrängen 22. September 2006 um 22.51 Uhr · Abgelegt unter Datenschutz im Staatssektor...
  • liebe Telekom Als ich 97 bei euch das erste mal internettig den Weg bereiten ließ, flutschte noch alles mehr oder weniger gut.
  • Google-Chef findet Anonymität nicht gut Das ist ja vollkommen überraschend: Der Google-Chef Erich Schmidt findet Anonymität nicht so gut: Google-CEO Schmidt: Mangelnde Reife für die
  • Einbruchshilfe Einen Livestream, welche Leute just in diesem Moment ausgeraubt werden können, gibt es mit dem richtigen Twitterhashtag. (via pleaserobme.com) missi: http://www.entartete-kunst.com/einbruchshilfe/ 2f35736afa2a033e737922257fff8605) Ähnliche
Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: