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Warum Google Street View gestoppt werden muss

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Bild: «Echelon», Wikimedia Commons

Die ersten drei Linktipps übernehme einfach mal von Don Alphonso:

1. You Guys von nnier
Was natürlich auch nicht fehlt, ist der Hinweis darauf, das es «Bedenkenträger» ja schon immer gegeben und «Deutschland» nicht verstanden habe, dass man doch bitte «einfach machen» solle. Es ist zum Würgen.

2. Gugel-di-guck von mark793
Eine digitale Öffentlichkeit, deren nicht gewählte Vertreter und Vorbeter nicht vor irgendwelchen Maßnahmen der Zwangs-Eingemeindung zurückschrecken (oder gar Datenschutz und Privatheit als Diebstahl an der digitalen Öffentlichkeit deklarieren) kann mir jedenfalls gerne gestohlen bleiben.

3. Warum ich mich vor Google schütze von Don Alphonso
Street View […] liefert Anhaltspunkte, wo vorher keine waren. Sie sind nicht gut, aber sie sind für alle Bewohner dieses Landes umfassend und vergleichbar, und deshalb auch für kommerzielle Interessen von Google und vielen anderen attraktiv. Vor Street View musste man persönlich vorbeikommen, um sich vom öffentlichen Raum aus ein Bild zu machen. Mit Street View geht es immer und sofort, sobald man es mit persönlichen Daten verknüpft.

4. Google is watching you von Heribert Prantl
Stellen wir uns vor, der Staat machte so etwas. Stellen wir uns vor, die CIA führe im Einverständnis mit den deutschen Behörden und im Zuge des Anti-Terror– Kampfes mit Kameraautos durch die deutschen Straßen, um «Schläfer» aufzuspüren. Oder: Das Bundesinnenministerium betriebe als Ergänzung zur Volkszählung eine Hauszählung, genannt «optische Hauserfassung», und zu diesem Zweck führen durch die Straßen diese Autos, auf denen die Kameras montiert sind, die jede Fassade, jeden Bürgersteig und jede Garage abfotografieren.

Last, but not Least ein zeitloser Klassiker:

5. Wir haben nichts zu verbergen von Oliver
Wir haben etwas zu verbergen. Was denn genau? Nun unsere Privatsphäre, diese ist uns heilig. Kurzum wir möchten nicht, daß der Staat oder auch irgendein multinationaler Konzern1 lustig munter Daten über uns sammelt. […] Im Moment bewegen wir uns mit Siebenmeilenstiefeln auf die Grundprinzipien eines totalitären Systems zu. Kurzum, hat man nichts zu verbergen, dann fehlt einem schlicht die Fantasie bestimmte Vorgänge zu erfassen. Das hat überhaupts nichts mit Verschwörungstheorien oder krankhafter Paranoia zu tun, sondern schlicht mit gesundem Menschenverstand.

Wenn ich mir den «Shitstorm» anschaue, der täglich an mir vorbeizieht, insbesondere in meiner Twitter-Timeline, dann kann ich nur zu folgendem Schluss kommen: vielen der so genannten Datenschützer, die sich in der Debatte rund um die Vorratsdatenspeicherung und den Netzsperren profiliert haben, interessiert der Datenschutz und die Privatsphäre einen feuchten Kehricht. Es ging offensichtlich immer nur um die persönlichen Interessen. Mit der VDS könnte ja ein übereifriger Beamter feststellen, dass Blogger X öfter YouPorn & Co. aufsucht. Die Netzsperren ausgeweitet auf Urheberrechtsverletzungen? Bloß nicht, dann kann Blogger Y ja nicht mehr die Piratenbucht aufsuchen. Letztere Sätze habe ich einfach mal umgestellt von Tweets, die sich über die Gegner von Google Street View lustig machen.

Es ging offensichtlich nie um den Datenschutz, es ging um die eigenen Interessen.

Wenn dann heute noch in meiner Timeline auftaucht, dass ein ehemaliger Blogger der FAZ (derjenige welcher, der dort immer Aufsätze im Stil eines Siebenklässlers veröffentlicht hat und Probleme mit dem Urheberrecht hat) argumentiert, man würde ihn bestehlen, wenn man ihm Informationen vorenthält, sprich wir haben uns vor ihm zu offenbaren, dann fällt mir dazu nichts mehr ein. Dieses totalitäre (digitale) Weltbild ist einfach nicht das meine.

Das Einfamilienhaus meiner Familie geht niemanden etwas an, genauso wenig das Mehrfamilienhaus in dem ich und meine Nachbarn aktuell leben. Es lassen sich per Knopfdruck Rückschlüsse auf das Umfeld, die Lebensumstände ziehen – ohne das Leben, den Menschen wirklich abzubilden. Google Street View ist Teil einer digitalen Vorratsdatenspeicherung in Hand eines Konzernes, dem die Menschen völlig egal sind, bei dem einzig und allein der Ertrag zählt. «Don’t be evil» war gestern. Heute zählen die Dollarzeichen in Augen der Aktionäre.

Man muss auch nicht diese Kindergarten-Diskussion führen, ob die Polizei nun virtuell Streife fahren kann und Einbrecher in Echtzeit Häuser ausspionieren können. Hier werden wie in der Politik Nebenkriegsschauplätze eröffnet, um von den eigentlichen Problemen abzulenken. Bei vielen Einwürfen hat man den Eindruck, als würde einzig und allein der Spaß im Vordergrund stehen, manchmal kann man sich sogar vorstellen, dass mit Street View das Ausspionieren unliebsamer Blogger, Publizisten und anderer Menschen, die man nicht mag, nun noch einfacher von der Hand geht.

Der Spaß ist wichtiger als die Privatsphäre anderer Menschen.

Google Street View dringt in die Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger ein. Ich verweise in dem Zusammenhang auch gerne noch einmal auf die Schufa: die Schufa erfasst nicht nur unsere finanzielle Situation, ob und wann man eventuell negativ aufgefallen ist, sondern auch wie man wohnt, ob unsere Nachbarn negativ aufgefallen sind, viele Dinge, die weit über die finanzielle Situation der Menschen hinausgehen. Die Ablehnung eines Kredites muss gar nichts mit einem selbst etwas zu tun haben – der Nachbar ist negativ aufgefallen und schon ist man gebrandmarkt. Ähnliche (falsche) Rückschlüsse lässt Google Street View zu, öffentlich, für alle so genannten Experten, einsehbar.

Googles Geschäftsmodell sind die Daten seiner User. In erster Linie werden diese dazu genutzt, um die Werbung immer professioneller zu personalisieren. Doch wer gibt uns die Garantie, dass Teile von Street View in Zukunft nicht an Kreditinstitute und andere Unternehmen verkauft werden? Professionell für einzelne Geschäftsbereiche aufbereitet, nicht das Ergebnis, welches im Internet zu finden ist? Und selbst wenn das nicht der Fall sein sollte: unzählige Datenskandale in den letzten Jahren beweisen, dass Daten nirgendwo sicher sind. Man kann sogar sagen, dass Daten bei Papa Staat sicherer sind, als in jedem Unternehmen dieser Welt.

Google hat nun «großzügig» den Bürgerinnen und Bürgern angeboten, Widerspruch einzulegen. Ich bezeichne dies als Unverschämtheit. Nicht dieses Opt-Out-Verfahren ist die korrekte Vorgehensweise, es wäre das Opt-In-Verfahren gewesen. Google hat mich und die Bürgerinnen und Bürger vorher zu fragen, ob das Unternehmen in meine Privatsphäre eindringt. Dass ich hinterher widersprechen darf, dass die schon gesammelten und vorhandenen veröffentlicht werden, spottet jeglicher Beschreibung.

Das Online-Formular zum Widerspruch, welches heute veröffentlicht wurde, ist ebenso eine Ohrfeige. Es muss die Anzahl der Stockwerke des Hauses angegeben werden, das Dach und die Fassade des Hauses müssen möglichst genau beschrieben werden, Google verlangt eine E-Mail-Adresse sowie die postalische Adresse. An letztere wird dann so genannter Verifikationscode geschickt, diesen muss man dann noch einmal online eingeben – und «schon» ist der Widerspruch erfolgt. Das ist das gleiche, als würde man seiner Lebensgefährtin die Ablehnung von Analverkehr mit öffentlichem Oralverkehr erklären.

Ich habe etwas zu verbergen: meine Privatsphäre. Ich gehe davon aus, dass es vielen anderen Menschen ähnlich geht, auch wenn der Satz «ich habe nichts zu verbergen» mittlerweile in der Bevölkerung weit verbreitet ist. Google Street View dringt in meine Privatsphäre ein, dazu gehören vermeintlich Lebensumstände, die Nachbarn, der Stadtteil in dem ich lebe. Es gibt Institutionen, die daraus Rückschlüsse ziehen und mich und alle, die von Google Street View erfasst werden, bewerten. Das ist ein Skandal – und jedem Bürgerrechtler, dem Datenschutz wirklich wichtig ist, wird dies ähnlich sehen und sollte klar Stellung beziehen. Danke an dieser Stelle an FoeBud, auch wenn die Erklärung ein wenig dürftig ist. Es ist aber ein sehr guter Anfang.

Google hat mich vorher zu fragen, nicht ich habe um Unkenntlichmachung zu bitten.

Auch lasse ich das Argument nicht gelten, wir müssen uns um wichtigere Daten kümmern, als Google Street View, zum Beispiel der Netzneutralität. Das wäre ungefähr das gleiche, als würde sich die Polizei nicht mehr um Vergewaltigungen kümmern, weil man Kindesmissbrauch einer höheren Priorität einräumt. Street View ist ein Teil vom Ganzen, dem ebenso der Kampf angesagt werden muss, wie der Vorratsdatenspeicherung, den Netzsperren oder anderen netzpolitischen Geisterfahrten der Politik.

Dass sich weite Teile der konservativen Politik nun mit Google Street View profilieren wollen – geschenkt. Es ändert nichts an der Tatsache, dass Google Street View abzulehnen ist. Google Street View dringt in unsere Privatsphäre ein, es sind eben nicht «nur» Häuserfassaden. Wer so argumentiert, dem fehlt jeglicher Blick auf das große Ganze und die Möglichkeiten, verschiedene Datensätze miteinander zu verknüpfen und dementsprechend uns alle auszuspionieren.

Wer mit dem Gesetz der Panoramafreiheit argumentiert, dem werfe ich entgegen: die Netzsperren sind auch Gesetz. Und nun? Die Panoramafreiheit stammt aus einer Zeit, in der es nicht möglich war, komplette Städte und Lebensumstände der Bürgerinnen und Bürger zu digitalisieren und zu veröffentlichen. Das Gesetz der Panoramafreiheit muss den heutigen technischen Möglichkeiten betreffend angepasst werden. In anderen Diskussionen wird dies auch immer wieder gefordert, demensprechend ist auch in diesem Fall zu verfahren.

Google Street View ist mit aller Macht abzulehnen, mit dem wichtigsten Argument überhaupt:

Ich habe Etwas zu verbergen!

von F!XMBR, gepostet am Dienstag, 17. August 2010 um 18:45
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