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Überwachung im biometrischen Zeitalter

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Ein Bericht zur Verleihung des „Surveillance Studies Preises“ 2016

von Joana Ekrutt

„Die Gefahr der Technologie liegt oft nicht dort, wo wir sie vermuten“ – so könnte das Fazit der Verleihung des „Surveillance Studies Preises“ 2016 lauten. Eine Erkenntnis, die von Ursula Rao, Ethnologin an der Universität Leipzig, stammt. Sie hielt im Rahmen der Preisverleihung, die am 27. Januar in Hamburg stattfand, den Festvortrag.

Der Journalistenpreis des Forschernetzwerks Surveillance Studies wurde an diesem Abend an Adrian Lobe verliehen. Der 27-Jährige erhielt die Auszeichnung für eine Reihe von Artikeln zu Google und Big Data, die vor allem im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) erschienen sind. Lobe zeige sich, so die Begründung der Jury, „als studierter Politikwissenschaftler – aber als ein sprachgewandter, der die Waffen des Geistes mit dem Florett der Stilistik zu führen versteht.“

Seine Beiträge würden dem Leser „eine glückliche Synthese aus Lesegenuss und Bildungserlebnis bieten“, so die Jury weiter. Ein Aspekt, der Lobe in seiner Arbeit wichtig ist: „Der Journalismus muss eine Übersetzerleistung bringen“, sagte er in seiner Dankesrede. Um dem Publikum das Thema „Algorithmen“, welches für das Verständnis von Überwachung von großer Bedeutung sei, näher zu bringen, lieferte er auch gleich ein anschauliches Beispiel: „Jede IKEA-Anleitung ist im Grunde auch ein Algorithmus“, denn Algorithmen seien im Prinzip nur Handlungsanweisungen.

Welche gesellschaftlichen Konsequenzen digitale staatliche Überwachung haben kann, brachte die Ethnologin Ursula Rao in ihrem Vortrag über biometrische Überwachung auf den Punkt. Man müsse „entwarnen und gleichzeitig warnen“, fasste Rao die Ergebnisse ihrer Feldstudien, die sie in Indien durchgeführt hatte, zusammen.

Biometrie sei in Indien allgegenwärtig; Deutschland erlebt die Ethnologin hingegen als relativ „technikfeindlich“. Ein Grund, weshalb sie ihre Studien dort durchgeführt habe. Ein weiterer sei, dass in Indien ein extremeres Gefälle zwischen arm und reich, sowie moderner und primitiver Technologie herrsche. In Indien könne man „empirisch unter extremen Bedingungen beobachten, was strukturell überall gleich ist“, so Rao.

Grundlage ihrer Untersuchungen seien dabei drei Themenschwerpunkte gewesen: Kontrolle, Einlass und Teilhabe. Der Aspekt der Kontrolle würde vor allem die Arbeitswelt betreffen. In Indien sei es heutzutage für alle Angestellten verpflichtend, sich morgens und abends bei der Arbeit biometrisch an- und abzumelden. Diskutiert werde, ob diese Form der Kontrolle zu Selbstoptimierung führe, erläuterte die Ethnologin. Eine Umfrage in einer indischen Zeitungsredaktion habe jedoch ergeben, dass diese Maßnahme zwar „einen Überwachungs-, aber keinen Performance Effekt“ habe, erklärte Rao. Die Journalisten würden an der Qualität ihrer Arbeit gemessen und nicht an ihrer Präsenz, gab sie deren Einschätzung wieder. Man sei also „nur heftiger anwesend“, fügte Rao hinzu und sorgte damit für einige Lacher im Publikum.

Für den zweiten Aspekt, den Einlass, führte die Ethnologin als Beispiel den biometrischen Pass an. Der sogenannte „ePass“, in Form des Reisepasses längst gängige Praxis, werde in Indien auch für Fitnessstudios oder Einkaufszentren verwendet. Er soll, so die Theorie, den Zugang zu verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens erleichtern. Problematisch sei jedoch, dass nur die Personen Einlass bekommen würden, die sich bereits selbst überwachten „und eh schon dazugehören“, erläuterte sie. Man müsse bestimmte Formalitäten erledigen um sich biometrisch ausweisen zu können. Wer beispielsweise eine Kreditkarte besitzt, bekomme Zugang; alle anderen nicht. Die Überwachung habe also nichts mit der Disziplinierung zu tun, auf die sie abziele, folgerte Rao.

Den letzten Aspekt ihrer Untersuchungen, die Teilhabe, erklärte Rao anhand des in Indien üblichen biometrischen Registrierungssystems per Fingerabdruck. Dieses System solle jedem ermöglichen, staatliche Leistungen in Anspruch zu nehmen und Geldtransfers zu tätigen. Korruptionsfälle sollen auf diese Weise vermieden werden. „Die persönliche Identifizierung ist universal einheitlich, unveräußerlich und mobil“, sagte Rao und fügte hinzu: „Sie erfordert keine Bildung.“

Auch mit diesem System seien jedoch Probleme verbunden. Die Fingerabdrücke könnten von den Maschinen häufig nicht gelesen werden. Verletzungen an der Hand, Schwielen oder Schweiß würden dazu führen, dass man sich nicht registrieren könne. Die Geräte seien für „weiße Mittelklasse Leute konstruiert, die am Computer und nicht auf dem Feld arbeiten.“ Somit würden bestimmte Bevölkerungsgruppen automatisch ausgeschlossen, brachte Rao die Problematik auf den Punkt. „Die Maschine reproduziert Diskriminierung, die im sozialen Bereich schon vorhanden ist.“

Auf einmal stünde nicht mehr die Überwachung im Fokus und die damit verbundene Frage, was mit den persönlichen Daten passiert, sondern es kommen Probleme zum Vorschein, die man bei der Einführung der Technik nicht bedacht habe, erläuterte Rao. Um es mit dem Eingangszitat zu sagen: „Die Gefahr der Technologie liegt oft nicht dort, wo wir sie vermuten.“

Es wäre interessant zu erfahren, wie Adrian Lobe die Ergebnisse einschätzt – er kam, nachdem er seinen Preis erhalten hatte, jedoch nicht noch einmal zu Wort. Vielleicht lassen sich seine Gedanken dazu aber bald im Feuilleton der FAZ finden.

(Der Beitrag ist entstanden im Rahmen eines Seminars von Volker Lilienthal an der Uni Hamburg, Joana Ekrutt ist dort im Master-Studiengang Journalistik)

von Surveillance Studies.org, gepostet am Montag, 15. Februar 2016 um 13:57
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