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Rezension: Digitales Wissen, Daten und Überwachung

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Thomas Christian Bächle: Digitales Wissen, Daten und Überwachung zur Einführung Hamburg: Junius 2016.

von Dietmar Kammerer, Marburg

Wissen ist Macht, digitales Wissen ist digitale Macht. Insofern sich kaum ein Lebensbereich der Digitalisierung, Verdatung und Vernetzung noch entziehen kann, stellt sich die Frage nach der Macht (ob bedrohlich als Kontrolle oder positiv als Versprechen einer Selbstermächtigung durch Technik) mit einiger Dringlichkeit. Der Band von Thomas Christian Bächle verspricht, diesen Zusammenhang von Technik (Algorithmen), Wissen (Daten) und Macht (Überwachung) im Rahmen einer Einführung “einer medienkultur-wissenschaftlichen Betrachtung zu unterziehen” (S. 11). Methodisch liegt eine Diskursanalyse vor, in der Rhetoriken, Begriffe und Argumentationsmuster im Zentrum stehen.

Das erste Kapitel widmet sich den Algorithmen, genauer: den Versprechen, Behauptungen und Übertreibungen, die sich mit ihnen verbinden. Es ist wohl dem Charakter eines Einführungsbandes geschuldet, dass Bächle den Gegenstand aus zahlreichen, teilweise nur lose verbundenen Perspektiven diskutiert: Der Abschnitt versammelt Ausführungen zur Geschichte der Mathematik, zur „filter bubble“ der Suchmaschinen und sozialen Plattformen, zur Frage der Künstlichen Intelligenz, zum Turing-Test und anderem mehr. Ergebnis dieser Rundumschau: “Algorithmen sind stets geprägt von soziokulturellen Vorannahmen […] sowie materiell-technischen Rahmenbedingungen” (S. 17, kursiv im Original) und ihre angebliche Objektivität ist ein “Mythos” (S. 32). Vermutlich würden nur die verbissensten Technikdeterministen diesen Feststellungen widersprechen.

“Digitales Wissen“ ist das zweite Kapitel überschrieben. Hier referiert der Autor die grundlegende Einsicht, wonach Medien „weder neutrale Überträger von Bedeutung sind […] noch jede Wahrnehmung, jedes Wissen, jede Bedeutung determinieren” (S. 66). In diesen wie in anderen Passagen liest sich Digitales Wissen wie eine Übersicht über die Klassiker der Medientheorie, in der kein bekannter Name (von Benjamin bis Butler, von Luhmann bis McLuhan) und kein Schlagwort (Verlust der Indexikalität, Simulation und Virtualität, remediation, Kybernetik) unberücksichtigt bleiben. Erkauft wird diese Multiperspektivität allerdings (unvermeidlicherweise) mit einer gelegentlichen begrifflichen Unschärfe und einem Mangel an analytischer Tiefe.

Der Rhetorik von “Big Data” widmet sich das dritte Kapitel. Auch hier werden die wesentlichen Autoren, Argumente und Themen (das Oxymoron der Rohdaten, die Paradoxien der Metadaten, das angebliche “Ende der Theorie” durch Big Data-Korrelationen und anderes mehr) kompakt dargestellt. Ein Kapitel zu Theorie und Praxis der “Überwachung” schließt den Band ab und nimmt auf diese Weise explizit die machttheoretische Dimension der Digitalisierung in den Blick. Hier dominieren Ansätze und Einsichten der sozialwisssenschaftlich geprägten Surveillance Studies, der Bezug zu den stärker medientheoretisch argumentierenden Kapiteln wird nicht immer deutlich.

Bächle weist zurecht auf die überzogenen Versprechungen, die umfassenden gesellschaftlichen Veränderungen und die oft intransparenten Machtkonstellationen hin, die mit der Digitalisierung einhergehen. Es stimmt: Algorithmen sind “niemals neutral” (S. 17, kursiv im Original), Wissen ist “stets sozial und kulturell geprägt” (S. 98), Daten sind “stets eingebettet in soziokulturelle Kontexte, Narrative und Interpretationsmuster” (S. 149) und Überwachung legt “keine Wahrheiten frei, sondern konstruiert Wahrheiten” (S. 200). Aber wann wäre Technik – vor allem unter der Lupe einer “medienkulturwissenschaftlichen Betrachtung” (S. 11) – je neutral, objektiv und von sozialer Praxis unberührt? Diese Erkenntnis bleibt abstrakt, solange sie nicht auf konkrete Szenarien zurückgeführt, mit empirischen Belegen angereichert und mit einem Verständnis für Leistungen und Grenzen der Technik verbunden wird. Vor allem kann das Urteil mangelnder Objektivität und Wahrheitsfähigkeit den datenverarbeitenden Algorithmen (hätten sie denn ein Empfinden in solchen Dingen) recht gleichgültig sein, solange sie in pragmatischer Hinsicht gut genug funktionieren. Auch der Autor muss einräumen: Dass ein automatisierter Übersetzungsdienst die eingegebenen Texte niemals verstehen wird, spielt so lange keine Rolle, wie menschliche Nutzer des Dienstes die ausgegebenen Ergebnisse “mitunter zufriedenstellend” (S. 147) finden. Unklar bleibt bei dieser “konstruktivistischen” Diagnose auch, welche konkreten Dynamiken das technische Sosein der Algorithmen und Datenbanken innerhalb der sozialen, rechtlichen, politischen, ökonomischen (und weiteren) Bezüge jeweils entwickeln kann und welche Kategorien zur Beurteilung der Auswirkungen von Algorithmen und Big-Data-Modellen zur Verfügung stehen. Die Feststellung, dass kein Algorithmus “neutral” ist, ist zwar ein Anfang, aber noch keine Antwort (zu dieser Frage siehe Cathy O’Neil, Weapons of math destruction, 2016). So liefert der vorliegende Band einen gut strukturierten Überblick über ein höchst aktuelles Feld von Gegenständen. Die Konsequenzen der hier formulierten Einsichten müssen allerdings erst noch ausbuchstabiert werden.

Dietmar Kammerer, Marburg

von Surveillance Studies.org, gepostet am Freitag, 16. Juni 2017 um 15:30
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