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Rezension: Daten – Das Öl des 21. Jahrhunderts?

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Malte Spitz: Daten – Das Öl des 21. Jahrhunderts? Nachhaltigkeit im digitalen Zeitalter.

von Daniel Guagnin, Berlin

Daten und Öl, diesen Vergleich hört man in letzter Zeit öfter, und irgendwie klingt das ein bisschen schlüssig, aber irgendwie auch ein bisschen unstimmig, je nachdem aus welcher Perspektive man die beiden Phänomene nun betrachtet. Trotz aller Ungereimtheiten dieses Vergleichs macht sich Malte Spitz nun die Mühe den Vergleich aus verschiedenen Blickwinkeln durchzuführen, und bringt dabei wichtige Impulse für eine gesellschaftliche Bedeutung der politischen Gestaltung von Technik und Innovation in die Diskussion.

Man mag sich zu Beginn fragen in welcher Hinsicht ein Vergleich zweier so unterschiedlicher Gegenstände überhaupt zielführend ist. Öl, ein haptisch und olfaktorisch äußerst penetranter, fossiler Rohstoff auf der einen, und Daten, ein abstraktes immaterielles Artefakt, das wir kaum sehen oder begreifen können, auf der anderen Seite. Auf Spitz‘ Reise zu den verschiedenen Dreh- und Angelpunkten der Ölindustrie und der Datenwirtschaft, erweist sich der Vergleich aber als dankbarer Diskussionsanreiz für vielfältige interessante Konversationen mit renommierten Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft. Und schließlich bilden die anschaulichen Einblicke in die teils wenig glamourösen Kulissen von Ölförderwerken und Überseekabeln, einen literarischen Rahmen für anregende Gedanken und Überlegungen.

Das erklärte Ziel seines Projektes ist, aus der Geschichte des Öls und der damit einhergehenden sozialen, ökonomischen und politischen Folgen etwas zu lernen, für den Umgang mit der disruptiven Ressource Daten, und darüber, wie eine gestaltende Politik für eine „digitale Gesellschaft“ aussehen sollte. Ein weiteres Anliegen ist, den Diskurs darüber stärker in die Mitte der Gesellschaft zu tragen, und gerade hier liegt im Vergleich von Öl und Daten ein gewisses Potential, denn die Tragweite und Bedeutung der Ölpreise, der Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe sowie die Folgen für die Umwelt sind allseits bekannt.
Das Buch ist strukturiert in sechs Teile. Nach einem Abriss der Geschichte von Öl und Daten, werden die Aspekte Freiheit, Gesellschaft, Sicherheit und Demokratie abgehandelt. Schließlich mündet die Betrachtung in einer Forderung nach einer Politik der Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit soll hierbei verstanden werden, als ein „Ansatz um die Bedürfnisse der Gegenwart zu befriedigen, ohne die Freiheit, Selbstbestimmung und Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen“ (S.227, Hervorhebung im Original).

Machtstrukturen

Malte Spitz stellt die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zweier Ressourcen gegenüber, die beide weitläufige Veränderungen mit sich brachten und bringen. Öl und Daten spielen eine wichtige Rolle für Industrien, für die Schöpfung von Kapital und schließlich für die Verteilung von Macht. Darum geht es nicht zuletzt um Machtstrukturen, die sich aus der Verfügung über Ressourcen ergeben: Wer hat die Rechte an der Ressource, wer darf darüber verfügen, und wer profitiert davon. Dies sind politische Entscheidungen, die bestenfalls bewusst und mit Bedacht getroffen werden sollten, was auf die vergangene Entwicklung aber sagen wir nicht uneingeschränkt zutrifft. Durch die Monetarisierung von Daten und Öl konzentriert sich Kapital in der Regel an wenigen Stellen, und die Profiteure entwickeln ein starkes Eigeninteresse, das sie durch Einflussnahme auf die Politik verfolgen. Dabei zeigen sich durchaus Unterschiede zwischen den Gestaltungsmöglichkeiten der Machtstrukturen, von norwegischen Öl-Staatsfonds bis hin zu autoritären Öl-Oligarchien. Macht und Kapital müssen sich also nicht zwangsläufige auf wenige private Akteure verteilen, sondern können auch demokratischen Strukturen dienen.
Wie die „Seven Sisters“ der Ölindustrie haben sich auch in der Datenindustrie mit den „Big Five“ einige wenige milliardenschwere Marktführer herausgebildet. Aber die Regulierung ist insbesondere bei Daten noch im vollen Gange, wie sich insbesondere an den Bedeutungskämpfen um die Datenschutzgrunderverordnung oder aktuell um die E-Privacy Verordnung widerspiegelt.

Bedeutungskämpfe

An diesen Bedeutungskämpfen im Zuge von Regulierungsbestrebungen zeigt sich, dass es eben nicht nur um einen Wettbewerb von Marktakteuren geht, sondern dass die Ressourcen Öl und Daten im Zusammenhang stehen mit gesellschaftlichen Technologien und Entwicklungen, und bedeutende Auswirkungen auf Mensch und Umwelt zeitigen. Malte Spitz‘ Impulse kommen also zur rechten Zeit, denn die Fragen über den gesellschaftlichen Umgang mit Daten sind hoch aktuell.

Spitz beschreibt wie Ölfirmen anfänglich die Tankstelle als Ort der Freiheit bewarben. Aktuell sind wohl die allzeit lauschenden „smarten Lautsprecher“ der Versuch eines Freiheitsversprechen. Während Tankstellen aber lediglich Sprit und Tabak feil bieten, verarbeiten und speichern Siri, Echo und Co unsere alltäglichen Konversationsfetzen, um unsere Konsumbedürfnisse zu analysieren und bestmöglich zu befriedigen. Hier zeigt sich aber auch ein struktureller Unterschied der beiden Ressourcen, den ich gerne ergänzen möchte. Im Kontrast zu Öl, einer natürlichen Ressource, die wir als Treibstoff und als Rohstoff für die chemische Weiterverarbeitung nutzen, ermöglicht die Verfügung über Daten und Informationen die Kontrolle und Organisation von Individuum und Gesellschaft (vgl. allokative vs. autoritative Ressourcen bei Giddens 1984: 256ff). Während Öl und Energie unsere Mobilität und unsere Technik zwar grundlegend ermöglichen, sind es die Daten, die durch unsere eigenen Aktivitäten generiert werden, die zu Informationen verarbeitet auf uns zurückwirken und unser Denken und Handeln strukturieren und leiten.

Die nicht intendierten Folgen von Öl sind vor allem in der Umweltverschmutzung sichtbar und gravierend und bedrohen schließlich mit dem Klimawandel die globale Existenz. Datengetriebe Technologien und algorithmische Entscheidungen haben einen zunehmenden Einfluss auf alltägliche Entscheidungen – einerseits durch die Bereitstellung der Informationen auf deren Grundlage wir entscheiden, andererseits durch automatisierte Entscheidungsabläufe.

Technik für Menschen

Was wir hier vom Öl lernen können ist, dass die Gestaltung unseres Zusammenlebens durch die Technik strukturiert wird; Technik, die durch die Nutzung der Ressource erst ermöglicht wird. Malte Spitz führt hier als anschauliches Beispiel an, wie Städte auf die Nutzung von Autos hin ausgelegt wurden, und wie schwierig hier eine Veränderung hin zu einer nachhaltigeren Mobilitätsstruktur ist. Wir sollten also die Gunst der Stunde nutzen und im hier und jetzt Diskussionen führen wie wir durch datengetriebene Technologien unser Zusammenleben von morgen organisieren wollen – und wie nicht. Es gilt also frühzeitig eine sinnvolle Gestaltung zu beginnen anstatt später Sachzwängen hinterherzulaufen. Zentraler Ausgangspunkt sollte dabei immer das Wohl der Menschen sein, und dafür ist es notwendig, die möglichen Konsequenzen alternativer Nutzungen und Gestaltungsoptionen von Technik zu reflektieren. Damit die Technik den Menschen dient, ist hier besonders Kreativität gefragt, gerade um Potentiale der Verbesserung zu nutzen, und dennoch die Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger zu respektieren.
Dabei plädiert Malte Spitz für eine Überwindung eines Schwarz-Weißen Diskurses, und dafür, jeweils die Folgen, die sich aus der Erhebung und der Nutzung verschiedener Daten ergeben, gründlich zu hinterfragen und zu erforschen. Nicht zuletzt sollte es darum gehen übermächtige Oligarchien zu vermeiden, und externe Effekte zu internalisieren. Konkret heißt das beispielsweise, dass Technologien hinreichend offen gestaltet sein müssen, damit es möglich bleibt alternative Technik- und Anbieteroptionen zu wählen. Andernfalls werden Menschen durch Monopole und Pfadeffekte auf einzelne Anbieter und deren Bedingungen der Datenverwendung angewiesen bleiben. Außerdem darf die Sicherheit der zunehmend computerisierten und vernetzten Technologie kein Zusatzfeature sein, sondern muss fester Bestandteil der Produkte werden, beispielsweise durch definierte Update-Zeiträume und klare Haftungsregeln für Hersteller.

In diesem Sinne ist eine Balance zwischen „guter“ Regulierung, Innovation und Eigenverantwortung wünschenswert. (Ich würde gerne betonen: Ohne Überforderung des Einzelnen. Aber klar, IT-Bildung tut not.) Diese Balance zu erreichen ist sicher keine leichte Aufgabe, aber gerade deshalb fordert Malte Spitz einen breiten gesellschaftlichen Diskurs darüber, was zu vermeiden und was wünschenswert ist, und liefert dafür interessante Ideen und Diskussionsanreize.

Literatur

Giddens, Anthony. 1984. The Constitution of Society: Outline of the Theory of Structuration. University of California Press.

von Surveillance Studies.org, gepostet am Montag, 18. Dezember 2017 um 13:01
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