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Rezension: The end of policing

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Alex S. Vitale: The End of Policing. Verso, London / New York, 2017.

von Nils Zurawski, Hamburg

Die Polizei – dein Freund und Helfer? Nicht länger, wenn überhaupt je, folgt man den Argmenten von Alex Vitale in seiner Analyse „The End of Policing“
Die Polizei ist zu einem gesellschaftlichen Problem geworden, zu einer Gefahr für viele Gruppen in einer Gesellschaft, für die Gesellschaft insgesamt. Reformen allein, so Alex Vitale, würden es nicht bringen, denn das Problem ist die Institution der Polizei selbst. Es liegt nicht am Training, an mangelnden Reformen, an ihren Methoden oder an nicht ausreichender Diversität. Das Problem sei, so der Autor, die Polizei so wie sie derzeit arbeite und als was sie sich verstehen würde. Reformen wären nur unzureichend und könnten das von ihm skizzierte Bild der Polizei nicht grundlegend verändern. Die Analyse, die Vitale zu diesen Schlussfolgerungen gebracht haben, ist in dem Buch sehr eindrucksvoll aufgeführt. Es ist kein versöhnliches Buch, es beinhaltet wenig Veränderungsvorschläge für eine bessere Polizei, sondern zeigt an mehreren Stellen deutlich, wo die Probleme liegen und warum die Polizei nicht besser werden kann, in dem man sie reformiert.

Die Kritiker, die sich jetzt bestätigt fühlen, sollten allerdings wissen, dass Vitales Analyse allein auf die USA fokussiert ist, was heißt, dass er eine bestimmte Polizei mit sehr besonderen Problemen beschreibt. Seine Analyse ist daher nicht einfach übertragbar – man kann sie aber als Ausgangspunkt nehmen, um über ein paar grundsätzliche Aspekte von Polizei und polizeilichem Handeln nachzudenken.

Vitales Analyse, die sehr gut zu lesen ist und eine Reihe von Beispielen und prägnanten Sätzen enthält, orientiert sich in der Erzählstruktur an unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, mit denen die Polizei umgeht, und woran sich die Probleme aufzeigen lassen. Nach einer Einführung, in der er erklärt, warum Reformen nicht funktionieren würden, nimmt er sich der Reihe nach die Verhältnisse Polizei – Schule, Polizei – Menschen mit psychischen Problemen, Polizei – Obdachlose, Sexarbeiter, die Rolle der Polizei im Drogenkrieg und gegen Gangs vor. Es sind von allem Randgruppen der Gesellschaft, oft besonders exponiert, aber schutzlos, um die es hier geht. Die Probleme im Verhältnis zur Polizei sind ähnlich, die einzelnen Kapitel betrachten diese nur aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Grundsätzlich konstatiert er bei der Polizei eine „Krieger-Mentalität“, aus welcher heraus die Bevölkerung als Feind verstanden wird. Das betrifft Randgruppen wie Obdachlose, Drogenabhängige etc. auf der einen Seite sowie die nicht-weiße Bevölkerung auf der anderen in besonderem Maße. Polizei in den USA ist kolonial, rassistisch und nicht in der Lage auf Gesellschaft adäquat zu reagieren, so der Vitale. Weiterhin kritisiert er, dass soziale und gesundheitliche Aspekte wie psychische Erkrankungen, Drogenkonsum oder Obdachlosigkeit mithilfe der Polizei gelöst werden sollen, die dafür jedoch nur eine unzureichende Ausbildung besitzen und mit der Krieger-Mentalität eine dafür gänzlich ungeeignete Einstellung. Das Problem des Rassismus hat kein eigenes Kapitel, sondern durchzieht alle Kapitel. Besonders in Kapitel 2 muss man aufmerken, wenn Vitale davon spricht, dass die Kontrolle von Kriminalität nur ein kleiner Teil von Polizei sei. Mit dieser Beobachtung steht er nicht allein da, ähnliche Aussagen lassen sich auch in Didier Fassins Polizei-Ethnografien und Analysen finden (vgl. ders. 2011; 2015).

Die Polizei ist nicht nur ein Apparat der Verbrechensbekämpfung, sondern auch ein Stabilisator von Herrschaft, in dem die armen Klassen und die Abweichler kontrolliert werden. Die Ordnung die von und mit Polizei hergestellt wird, ist eine der Ausbeutung (S. 34), somit kann in Vitales Analyse eine Polizei nicht als Bürger-Polizei verstanden werden. Das ist wissenschaftlich gesehen keine wirklich neue Erkenntnis, wenn man aber bedenkt, dass Vitale Teile seines Buches auch in Magazinen und der Presse veröffentlicht hat, dann ist das durchaus bemerkenswert. Mit dem Buch unterstreicht er dieses, sein Hauptargument, sehr nachdrücklich, er gibt viele Beispiele, auch historische und schafft es, dass man sich seiner Argumentation nicht entziehen kann.

Was davon aber gilt nun für uns? Trifft es auch auf Polizei außerhalb der USA zu oder hat er hier ein generelles Problem von Polizei beschrieben? Dabei sollte beachtet werden, dass die Idee der Polizei noch nicht sehr alt ist, knapp 250 Jahre im Höchstfall, eine Durchdringung auf breiter Fläche ist eher jünger. Soziale Ordnung allerdings hat es auch vorher gegeben und es ist deshalb durchaus angezeigt, mit dieser Analyse auch auf die Polizei in anderen Ländern zu schauen.

Fassin hat für Frankreich sehr deutlich beschrieben wie die Beziehungen zwischen der Polizei und den Bürgern (ein gutes Bespiel hier ist auch die Initiative Citoyens et Policiers) sind und man kann auch dort sehen, dass es weniger um Verbrechensbekämpfung als um Kontrolle und Stigmatisierung der Armen und Abgehängten in der Gesellschaft geht. Die sinkende Kriminalitätsrate in vielen westlichen Staaten ist eben nicht allein, wenn überhaupt, auf polizeiliche Arbeit zurückzuführen, sondern hat andere Ursachen – eine älter werdende Bevölkerung wäre ein Faktor, mehr Wohlstand und sich verändernde gesellschaftliche Bedingungen weitere. Gleichzeitig sehen wir eine Aufrüstung bei der Polizei, durchaus auch neue Herausforderungen wie einen Terrorismus, der qualitativ anders ist, als der anti-imperialistische Kampf in den 1970er und 80er Jahren.

Für Deutschland scheinen mir viele Beispiele von Vitale nicht zu passen – generell aber sollte die Aussage, dass Polizei nicht primär für die Sicherheit der Bürger sorgt, zum Nachdenken anregen. Das Problem liegt in der normativen Orientierung, an der Polizei im Alltag ihr Handeln ausrichtet und welches als Konstruktion vielfach problematisch ist. So hat es zumindest meine eigene Forschung gezeigt, in der ich vor allem nette, korrekte und hilfsbereite Polizisten und Polizistinnen kennengelernt habe, die hochprofessionell ihrem Job nachgehen. Doch auch sie konstruieren eine Art von Normalität, die es zu ordnen gilt. Leitbild bei der Arbeit sind dabei nicht nur Gesetze oder formale Ordnungen, sondern eben auch Vorstellungen von Gesellschaft, von einzelnen Gruppen und wie die Welt sein sollte. Lebensweltlich sind die Polizisten und Polizistinnen dabei einigen Gruppen näher als anderen, können sich bei manchen in deren Lage hineinversetzen, in viele aber auch nicht. Sollten eben diese Gruppen sie auch noch als Institution ablehnen oder gar feindlich (gewalttätig) gegenüberstehen, dann ruft das vor allem Unverständnis hervor. Das andere wird als abweichend kategorisiert, das zur Ordnung gerufen werden muss. Die Akzeptanz alternativer Lebenswelten wird somit erschwert.

Wie gut oder angespannt sind denn nun die Beziehungen zwischen der Polizei und der Bevölkerung insgesamt und wie ist der Umgang der Polizei mit bestimmten gesellschaftlichen Gruppen, insbesondere den Randgruppen oder politisch anders denkenden, wie z.B. den „Linken“ (von mir hier sehr ungenau und pauschal verwendet), die der Institution Polizei kritisch bis ablehnend gegenüberstehen? Genrell genießt die Polizei als Institution ein hohes Vertrauen in Deutschland. Ob das auch so für Randgruppen zählt, die in solchen Erhebungen eher nicht vorkommen dürften darf bezweifelt werden. Dabei ist die Polizei in Deutschland durchaus kommunikativ, hat mit verschiedenen Diensten eine Bürgernähe erreicht, die in anderen Ländern so nicht vorstellbar ist. Die Ausbildung der Polizisten und Polizistinnen ist lang und gründlich, was allerdings nicht vor Fehlentwicklungen schützt. Der Fokus auf Prävention sowie die vorhandenen Möglichkeiten Polizei zu beforschen (siehe u.a. die Rezension von „Polizeilicher Kommunitarismus“) zeigt andere Wege auf. Sie sollten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das von Vitale als grundlegend gekennzeichnete Problem auch hierzulande existiert und die Analyse eher Ansporn sein sollte, weitere Verbesserungen zu bewirken, als sich in Abgrenzung besser zu machen, als man selbst ist. Sich mit den Ordnungs- und Normalitätsvorstellungen im polizeilichen Alltag auch weiterhin kritisch zu beschäftigen scheint mir daher auch weiterhin angezeigt zu sein.

Vitale fordert am Ende seines Buches ein wenig überraschend nicht die sofortige Abschaffung der Polizei. Er gibt in dem Buch die düstere Analyse einer Polizei als Herrschaftsinstrument. Seine Forderungen im Schluss zielen dann auch eher auf gesellschaftliche Umstände, die es zu ändern gilt. Es geht ihm um einen anderen Umgang mit Problemen, als mit den Mitteln der Polizei, die für vieles eben nicht geeignet zu sein scheint, wie er ausführt. Eine Analyse, gerade von Polizei, muss in einem kulturellen Kontext stattfinden – insofern ist Vitales Buch nicht übertragbar, da es sehr explizit auf die US-amerikanische Situation abhebt. Aber es bietet eine Reihe von Denkanstößen, mit denen man sich auseinander setzen muss, wenn man sich mit dem Komplex Polizei, Staat, Herrschaft und einen veränderten gesellschaftlichen Umgang mit Abweichung und Normalität beschäftigen will.

Referenzen:

  • Didier Fassin: Enforcing Order. An Ethnography of Urban Policing. Cambridge. Polity Press, 2011.
  • Didier Fassin et al.: At the heart of the state. The moral world of institutions. Pluto Press, 2015.
von Surveillance Studies.org, gepostet am Donnerstag, 8. März 2018 um 9:49
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